Behütet

Ich gehöre zu den Glücklichen, die eine behütete Kindheit verbringen durften. Als ich aber mit 19 Jahren in die Rekrutenschule der Schweizer Armee einrückte, war es vorbei mit der Bemutterung. Zum Glück wurde ich dort jedoch mit diversen Mützen und Hüten ausgerüstet und so ging ich fortan behutet statt behütet durchs Leben.

Nach viel zu viel Militär besuchte ich die Uni. Da ich dort aber weder behutet noch behütet war, zog es mich schon bald zurück – nein nicht zur Mutter, sondern zu Uniform und Hut oder anders gesagt zur Fliegerei. Da wurde ich, der geneigte Leser erinnert sich vielleicht noch an den Beitrag, Ende letzten Jahres in eine neue Uniform gesteckt. Dabei musste ich zu meinem grossen Bedauern feststellen, dass mein Nullachtfünfzehn-Schädel nicht in die Standardhutgrössen passte. Grösse 57 war zu klein und Grösse 58 zu gross.

Also musste zuerst eine Grösse 57 ½ erfunden werden. Diese nicht ganz einfache Aufgabe wurde natürlich sofort in Angriff genommen. Vulkanasche-Krisenstäbe, Schweinegrippe, explodierende Fahrwerke, randalierende Passagiere und andere Unwägbarkeiten nahmen aber alsbald so viele personelle Ressourcen in Anspruch, dass die Task Force Hutgrösse 57 ½ einfach nicht vom Fleck kam.

So litt ich im letzten halben Jahr unbehutete Höllenqualen und rechtfertigte mich stundenlang vor diversen Kapitänen wegen meiner unvollständigen Uniform. Zudem hatte ich keine Ahnung wo ich ausser Dienst den Kleinkram meiner Uniform verstauen sollte.

 

Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als ich kürzlich per E-Mail informiert wurde, mein neuer Hut sei auf dem Büro des Chefpiloten abholbereit. Heureka!

Heute war nun der grosse Tag. Als ich nach fünfzehnminütigem Suchen das Büro des Chefpiloten endlich gefunden hatte (peinlich, aber verständlich, da jeder Pilot mit einem letzten Rest an gesundem Menschenverstand diesen Ort tunlichst meidet), wurde mir feierlich mein neuer Hut überreicht. Zum Erstaunen der anwesenden Schaulustigen passte dieser sogar auf meinen Kopf.

Ich zog meine neue Kopfbedeckung wieder aus und betrachtete sie Stolz. Dabei fiel mir die schäbige Fertigungsqualität der am Hut prangenden „Pilot-Wings“ ins Auge: „Warum sind denn die Wings so hässlich gefertigt? Jene auf dem Kittel sind viel schöner!“

Nach kurzer Kontrolle meinte der Chef: „Stimmt. Aber aus der Distanz sieht es gut aus.“

„Na dann passt es zur Firma!“ antwortete ich augenzwinkenrnd.

Plötzlich herrschte eisiges Schweigen und ich bemerkte betretene Blicke. Ooops, da hätte ich wohl besser nichts gesagt! Warum kann ich auch nie die Schnauze halten?

Humor ist wenn man trotzdem lacht. Also habe ich nochmals ein breites Grinsen aufgesetzt und schnell einen taktischen Rückzug angetreten. Hoffentlich hat niemand bemerkt wie ich, als die Lifttüren sich hinter mir schlossen, in schallendes Gelächter ausbrach.

Der Chefpilot wird es wohl überleben und ich versuche etwas Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen – im Blog darüber zu schreiben ist sicher die beste Strategie. Dass ich nächste Woche Ferien habe kommt mir ebenfalls sehr gelegen, denn danach habe ich meinen jährlichen Checkflug. Mit wem? Natürlich mit dem Chefpiloten…

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4 Antworten to “Behütet”

  1. nff Says:

    Hut 62.5 auf Kopf 64 ….

    Bei mir sieht es nicht einmal aus der Ferne gut aus. Auch der letzte Versuch, meinen Hut liegen zu lassen, scheiterte grandios. Bis zum Crewbus trug mir die Hotelangestellte aus Narita das ungeliebte Teil nach. Warum will denn niemand meinen Göggs?

  2. fabi Says:

    Wie Genial!

    Viele grüße
    fabi

  3. Richi Says:

    Der Hut ist gut.

  4. TWR Mädel Says:

    Du scheinst das gleich lose Mundwerk zu haben wie ich – das macht dich sehr sympathisch 😉

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