Gruppendynamik

Bereits früh in ihrer Ausbildung werden Piloten mit Crew Ressource Management konfrontiert. Mittlerweile ist diese Ausbildung für jeden Linienpiloten obligatorisch und auch regelmässige Weiterbildung ist Pflicht. Ein Teil der Theorie und einige angewandte Übungen befassen sich dabei mit Gruppendynamik. Deshalb sollte eigentlich jeder Pilot bestens für den Umgang mit seinen Berufskolleginnen und Kollegen gerüstet sein. Leider erweist sich aber manchmal eine Gruppe schlicht als zu dynamisch, weshalb selbst hervorragend ausgebildete Profis ab und zu von den Ereignissen überrollt werden.

Eine solche Episode ereignete sich gestern in Hong Kong. Nach dem Flug trifft sich dort normalerweise derjenige Teil der Besatzung, der nicht sofort dem Shoppingrausch verfällt, im nahe dem Hotel gelegenen Pub, wo zu dieser Tageszeit, dank Happy Hour, zwei Drinks zum Preis von einem feilgeboten werden. Auch gestern wurde abgemacht, dass man sich, nach einer kurzen Dusche, am gewohnten Ort einfinde.

So trafen sich um 19 Uhr, etwa eine halbe Stunde nach Ankunft im Hotel, ein Kapitän und ein durstiger Kopilot und bestellten je ein Bier. Während der nächsten halben Stunde tröpfelten weitere sechs Besatzungsmitglieder ein, so dass sich der durstige Kopilot, mittlerweile an seinem zweien Bier nippend, Gedanken über die unterschiedlichen Duschverhalten machte.

Schnell entstand eine angeregte Diskussion über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten. Die Zeit verrann wie im Fluge und um 20 Uhr bemerkte der durstige Kopilot, wie der Durst langsam vom Hunger abgelöst wurde. Da auch sein zweites Bier mittlerweile verdunstet war, verlagerte er das Thema geschickt auf die Restaurantauswahl. Der Kapitän, dessen zweites Bier ebenfalls zur Neige ging, machte einen Vorschlag, dem alle am Tisch zustimmten.

Zum Erstaunen der beiden Flieger fühlte sich anschliessend jedoch niemand gemüssigt die Tränke Richtung Futtertrog zu verlassen. Stattdessen wurde weiter über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten getratscht. Angesichts der Tatsache, dass das ausgewählte Restaurant um 21 Uhr 30 seine Pforten schliesst, wollten die beiden Piloten die Rechnung zu verlangen, was zu lautem Protest führte. Offenbar hatten diverse Damen und Herren ihr zweites Getränk noch nicht einmal bestellt. Dies wurde nun zwar nachgeholt, doch der Konsum der Drinks verlief weiterhin schleppend.

Um 20 Uhr 30 wurde beschlossen, dass die Zeit nicht mehr reiche um ohne Stress im vorgeschlagenen Restaurant zu speisen. Von den Langsam Trinkern wurde eine andere „Location“ ins Spiel gebracht: „Die Strasse wo all die Italiener sind. Die haben länger geöffnet.“ Danach wurde weiter über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten getratscht.

Um gut 21 Uhr, als der knurrende Magen des Kopiloten schliesslich jegliche zivilisierte Konversation verunmöglichte, setzte sich der Tross in Bewegung. Nach kurzem Fussmarsch, während dessen die beiden hungrigen Flieger mehrmals zu gemächlicherem Tempo ermahnt wurden, gelangte man zur Knutsford Terrace. Trotz Grossandrang ergatterten die bereits wieder vorauseilenden Piloten bei einem Italiener die letzten zwei Tische im Freien. Als jedoch auch der langsamste Nachzügler eintraf, wurde zum Erstaunen unserer beiden bedauernswerten Helden verkündet, dass man in Hong Kong nicht Italienisch zu essen gedenke.

Der Copi fragte was denn eher den Wünschen der Gruppe entspreche und nahm verdutzt die gleichzeitig auf ihn einprasselnden Antworten zur Kenntnis: „Asiatisch“, „Nicht Chinesisch“, „Kein Fisch und kein Seafood“, „Veggie“, „Hauptsache draussen“. Nach kurzem Überlegen fragte der Copi hoffnungsfroh: „Oookey. Wie wär’s mit dem Inder nebenan?“ Die Antwort brachte ihn vollends zur Verzweiflung: „Indisch? Wir sind doch nicht in Bombay!“

Nach minutenlangem Palaver beschloss man zuerst einmal alle Möglichkeiten der Gegend abzuklappern. Dies führte zur ernüchternden Erkenntnis, dass alle Tische im Freien belegt waren. Deshalb wollte man nun doch mit dem zuvor verschmähten Italiener vorlieb zu nehmen, aber die beiden Tische waren mittlerweile natürlich ebenfalls vergeben.

Es folgte ein weiteres Palaver, dessen Gruppendynamik völlig am mittlerweile an akuter Unterzuckerung leidenden Kopiloten vorbeiging. Schliesslich fand man zu einem Vietnamesen im dritten Stock.

Mit der Speisekarte in der Hand schöpfte der darbende Kopilot neuen Lebensmut. Doch leider schaffte es der Kellner nicht die quasselnde Gruppe zu einer Bestellung zu bewegen. „Wollen wir alle etwas bestellen und dann teilen?“ – „Was nimmst Du?“ – „Wie wär’s mit einer gemeinsamen Vorspeise“ – „Ich nehme die Frühlingsrollen – aber die Satay Spiesschen tönen auch gut!“ – „Gibt es das Curry auch Veggie – ohne Hähnchen?“ …

Mit flehendem Blick drängte der verzweifelte Kopilot den Kapitän zu einem einsamen, aber nötigen Führungsentscheid. Dieser verstand den Wink und schritt, ohne Rücksicht auf die sich noch im vollen Gange befindende Diskussion, zur Bestellung. Die Wirkung dieses mutigen Schrittes war erstaunlich, denn schon bald hatte jeder seine Bestellung abgegeben und kurz darauf wurden die sehnlichst erwarteten Vorspeisen serviert.

Nach dem Hauptgang wurde die Dessertkarte als den Ansprüchen nicht genügend taxiert und deshalb wurde die Rechnung geordert. „Am besten rechnet jeder seine Schuld selber ab!“ – „Nein, der Copi soll rechnen“ – „Ich hatte die Satay Spiesschen, das Red Curry und ein Bier. Was macht das?“ – „Ist das inklusive Trinkgeld?“ – „Hey Copi, kannst du mir 50$ herausgeben?“ – „Ich habe nur 1000$.“ – „Ich möchte mit der Kreditkarte bezahlen.“ …

Nachdem jeder seinen Obolus erbracht und der Kopilot die Amuse-Bouche, die nie bestellt, aber trotzdem verrechnet wurden, aus dem eigenen Sack berappt hatte, verlagerte sich die Gruppe wieder nach draussen. Die frisch gestärkten Piloten wagten den Vorschlag man könnte den Abend in einer Kneipe mit Livemusik ausklingen zu lassen. „Was wird denn dort gespielt?“ – „Ich mag keinen Hardrock.“ – „Und ich keinen Jazz!“ – „Ist es dort sehr laut?“…

Die beiden Piloten verdrehten kurz die Augen und wechselten einen vielsagenden Blick. Dies genügte bereits um einen gemeinsamen Entschluss zu fassen und so machten sich die beiden wortlos auf den Weg ins „Sticky Finger“. Als sie am Ende der Strasse um die Ecke bogen, blickten sie kurz zurück und sahen wie die Zurückgelassenen gerade ein weiteres Palaver abhielten.

Was dabei genau beschlossen wurde interessierte unsere Helden nicht mehr, denn sie widmeten sich, bei Livemusik und einigen Bierchen, ungestört dem Studium des Balzverhaltens der leichteren Damen des Hongkonger Nachtlebens…

Advertisements

6 Antworten to “Gruppendynamik”

  1. Dide Says:

    Herrlich! Und soooooooo wahr. Aus dem vollen Fliegerleben.

    Da überlege ich es mir eine allfällige Rückkehr zur SWISS doch sehr gut. Bei uns sind diese Entscheide in Anbetracht selten erscheinender Flight Attendants wesentlich einfacher zu fällen.

    Wenigstens könnte ich mir die Additionen und Divisionen beim Bezahlen ersparen…

    Gruss
    Dide

  2. skypointer Says:

    Ab und zu ist es auch ein Vorteil wenn die F/As erscheinen.

    Deshalb wäre eine Rückkehr vielleicht doch überlegenswert… 🙂

  3. Marianne Says:

    Wie wahr, wie wahr…da möchte man sich glatt fremdschämen.
    Bei Hunger kenne ich kein Pardon, CRM hin oder her 😉

  4. Severin Says:

    mein vollster Respekt und mein tiefstes Beileid. Mir wären die Sicherungen schon nach 20 Uhr durchgebrannt und einige der Damen hätten bestimmt Arg leiden müssen, hätten Sie sich nicht schleunigst entschieden und geschwiegen. Bei dir aber scheint der CRM Früchte getragen haben, selbst in solch auswegslosen Situationen! Bezüglich der Rechnerei: beim einwöchigen Yaoundé kürzlich hatte ich das Vergnügen für eine 8 köpfige Truppe zu rechnen=> Fazit: NIE WIEDER! Gut habt ihr zu Schluss doch noch einen weisen Entschluss getroffen, die Palavernden werdens verkraftet haben…

  5. G! Says:

    Haha…auch wenn es Dide schon gesagt hat: wie wahr. Genau darum weigert sich die neue alte Garde Copis, die Rechnung zu splitten – bisher mit Erfolg 😀

    Btw, meine Lieblingssätze (wo wir’s vor kurzem zum Thema „Titel“ und Suchwörter hatten):
    „Gedanken über die unterschiedlichen Duschverhalten machte“ und „Studium des Balzverhaltens der leichteren Damen des Hongkonger Nachtlebens“

    😉 G!

  6. Peter Says:

    Grossartig geschrieben, man kann sich die Situation lebhaft vorstellen! In Hong Kong fast verhungern wäre ja grauenhaft gewesen.
    Freue mich auf die nächsten Blogs.
    Gruss
    Peter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: