Temporary Grounding

Mit dem Titel meine ich nicht das von der Vulkanasche verursachte Chaos. Dieses hat sich ja mittlerweile wieder gelegt und auch die Aschewolke hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Allerdings würde heute auch ohne diese Auflösungserscheinungen wieder geflogen, da sich mit der Aschewolke auch die Sicherheitsbestimmungen aufgelöst haben. So hat die britische Flugsicherheitsbehörde beschlossen, dass unter zwei Mikrogramm Asche pro Kubikmeter Luft keine Gefahr für die Fliegerei besteht. Deshalb würden heute, unter denselben Bedingungen wie vor einer Woche, keine Lufträume mehr gesperrt. Kommerzieller Druck wegen dem drohenden Konkurs der halben Europäischen Airline Industrie hat bei diesem Entscheid natürlich keine Rolle gespielt…

Vorbei sind also die Tage, an denen eine Hälfte der Besatzungen Vulkanfrei hatte, während die restlichen Crews endlich einmal in den Genuss eines vernünftig langen Aufenthaltes an ihren Destinationen kamen.

Einzig die Juristen und Buchhalter beschäftigen sich heute noch mit den Folgen der Aschewolke. Verluste werden eruiert und Schuldige gesucht. Eigentlich sollten die Isländer für den angerichteten Schaden aufkommen – aber die sind leider bereits Bankrott! Wer könnte also sonst noch zur Kasse gebeten werden? Die Versicherungen? Die bezahlen eh nie. Die Transportminister, denen die Luftämter unterstellt sind? Kaum. Schliesslich hat noch nie ein Politiker wirklich Verantwortung übernommen.

Am Ende wird der Verlust also an den Airlines hängen bleiben. Doch damit ist die Sache natürlich noch nicht gegessen. Zwar wäre eine Flurbereinigung bei den Europäischen Fluggesellschaften überfällig und wer die Risiken seines Geschäfts – und dazu gehört die Luftraumsperrung der letzten Woche – nicht selber tragen kann, hat keine Existenzberechtigung. Da aber kaum ein Staat seine National Airline eingehen lässt, werden die Steuerzahler die Zeche am Schluss bezahlen müssen. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht schon all ihr Geld in Griechenland versenkt wurde…

Aber zurück zum temporären Grounding – meinem Grounding. Was dramatisch tönt, hat einen banalen Hintergrund. Das Planungsroulette meint es zurzeit besonders gut mit mir und schickt mich praktisch ausschliesslich in die Instruktion. In den Simulator also. Das hat den Vorteil, dass der Einsatzplan nicht durch Vulkanfrei durcheinander gebracht werden kann. Keine zusätzlichen Freitage, an denen die unerwartete Freizeit plötzlich mit sinnvollen Beschäftigungen gefüllt werden muss. Keine langen Aufenthalte im Ausland mit Ausflügen und Sightseeing.  

Überhaupt bringt ein solcher Bodeneinsatz entscheidende Vorteile mit sich. Mangels durchgearbeiteter Nächte bemerkt man verwundert, dass die Matschbirne doch nicht selbstverständlich ist. Auch die Nackenverspannungen sind dank Crewbunk Entzug plötzlich wie weggeblasen. Zudem fallen all die Entscheidungsfindungen weg. Alles wird viel einfacher. Das Nachtessen gibt’s zu Hause und den Apéro aus dem Kühlschrank. Shopping heisst Einkaufen und findet im Coop statt.

Beim genaueren Hinsehen überwiegen jedoch die Nachteile. Die automatische Fütterung alle 20 Minuten entfällt. Zu Hause gibt’s keinen Nespresso und der Kaffee aus dem Automat im Schulhaus ist schrecklich. Die Mundtrockenheit nach vier Stunden Briefing und zweieinhalb Stunden Simulator übertrifft sogar jene nach dreizehn Stunden Nachtflug.

Entscheidend ist aber, dass synthetische Fliegerei, in einer auf Hydraulikstützen montierten Kiste, nach kurzer Zeit schlicht keinen Spass mehr macht. Auch Kollegen quälen wird, wenn man einmal alle möglichen Fehler gesehen hat, langweilig.  Deshalb fand ich es überhaupt nicht lustig als ich meinen Mai Einsatz aus dem elektronischen Postfach zog und bemerkte, dass ausser einem Hong Kong Flug wieder ausschliesslich Simulator geplant war.

Herrgott ich bin doch Pilot und nicht Simulant! Darum lasst mich wenigstens im Juni wieder fliegen, denn selbst mit Matschbirne und Nackenverspannungen gilt:

Nur fliegen ist schöner…

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5 Antworten to “Temporary Grounding”

  1. nff Says:

    Im Namen der Rundflieger möchte ich mich bei den Simulanten – so wie du sie nennst – ganz herzlich bedanken. Das meine ich ohne Ironie oder Zynismus, sondern mit ehrlichem Dank!
    Nicht dass ich Sim Sessions lieben würde (nein, ich hasse sie sogar), aber ohne Euch kämen wir Rundflügler nicht in Genuss einer Fortbildung. Was ihr da macht ist wirklich grosse Klasse!
    Gruss aus L.A.

  2. Tom / LOWI \ Says:

    Ich halte Dir die Daumen, dass Du wieder in die Luft kommst 🙂

  3. skypointer Says:

    @nff
    Merci. L.A. war auch in meinem Bidfile. Schüff!

    @Tom
    Danke auch Dir. 3 Starts und 3 Landungen in 3 Monaten muss man mir geben – sonst kriegt die Lizenz Flügel…

  4. Dide Says:

    Die Nespressomaschine kann käuflich erworben werden (z.B mit Anteilen der Instruktionszulage), und bei den Automaten im Schulhaus empfehle ich die Ovi. Schmeckt sehr gut und gibt Energie für mindestens zwei Briefings.
    Wesentlich problematischer wirds bei den Fütterungsintervallen…

    Wünsche dir trotzdem einen schönen Mai, ich bin übrigens mit meinem Einsatz auch nicht zufrieden!

    Gruss
    Dide

  5. skypointer Says:

    Da ich nicht Clooney heisse und da sie im Himmel offensichtlich schon eine haben, ist mir der Kauf einer Nespresso Maschine zu gefährlich!

    Auch das mit der Ovi klappt leider nicht. „Damit kannst Du es nicht besser, aber länger.“ Und genau das will ich eben nicht – noch länger in SIM sitzen…
    😉

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