Security Measures

Wer heute, egal ob als Passagier oder als Crew, durch die Welt jettet, ist sich bizarre Sicherheitsmassnahmen gewohnt. Computer werden mit winzigen Läppchen abgestaubt, Schuhe müssen, ohne Rücksicht auf Fussschweiss und Löcher in den Socken, ausgezogen und geröntgt werden, Nacktscanner suchen nach Sprengstoff in den Unterhosen, Weichkäse gilt als Flüssigsprengstoff und Pässe werden lieber dreifach als nur doppelt kontrolliert.

Die amerikanische Heimatschutzbehörde ist besonders erfinderisch im Einführen neuer, hirnrissiger Massnahmen zur Schikane von Flugreisenden. Das hat zur Folge, dass heute zwei Passagiere, welche gleichzeitig vor einer Bordtoilette darauf warten ihre Notdurft zu verrichten, bereits als terrorverdächtig gelten.

Wie durchdacht gewisse Vorschriften sind erkennt man daran, dass über den USA aktuelle Position und Flugroute problemlos auf den Bildschirmen angezeigt werden können, während wir Piloten am Public Address nicht erwähnen dürfen wo wir durchfliegen.

All dies war mir vor meinem Flug nach Boston bestens bekannt und deshalb erwartete ich auch keine grösseren Überraschungen. Umso erstaunter waren wir, als uns die Vorfeldkontrolle, nachdem wir pünktlich zurückgestossen hatten, auf dem Weg zur Startbahn anwies zu unserem Standplatz zurückzukehren.

Natürlich wollten wir den Grund für diese äusserst ungewöhnliche Forderung erfahren. Doch der Kontroller verwies uns lediglich an unsere Station und diese meinte es gebe ein Problem mit einem Passagier und wir würden nach unserer Rückkehr zum Gate näher informiert.

Mangels Informationen versuchten wir uns selbst einen Reim auf die Angelegenheit zu machen. Schnell waren wir uns einig, dass der mysteriöse Passagier Anlass zu Sicherheitsbedenken geben musste. War etwa ein flüchtiger Verbrecher an Bord? War dieser sogar gefährlich? Hatte sich ein Terrorist an Bord geschlichen? Osama, Geronimo oder Wilhelm Tell? Hatte jemand im Handgepäck Drogen, hinterzogene Steuergelder oder ein Flasche flüssiges Wasser an Bord geschmuggelt? Ein mulmiges Gefühl beschlich uns.

Während dem Zurückrollen mussten wir natürlich die Passagiere informieren und mangels genauerer Informationen gaben wir „ein Problem mit einem Passagier“ als Grund für unsere verfrühte Rückkehr an.

Am Gate angelangt, wurde uns erklärt die Amerikaner hätten, mangels vernünftigen Ideen, was sie mit den ihnen stapelweise zugesendeten Passagierlisten tun könnten, kürzlich damit begonnen daraus zufällig (!) einige Namen auszuwählen und von den Airlines zu verlangen bei diesen Passagieren einen ausgedehnten Sicherheitscheck durchzuführen. Leider wurde dies von unserer Station bei einem Transitpassagier aus Frankfurt vergessen und deshalb wurden wir – wohl aus Angst wir würden, mit einer derart gefährlichen, in Frankfurt und Zürich nur zweimal kontrollierten Person an Bord, beim Einflug in die USA von Abfangjägern abgeschossen – kurz vor dem Start wieder zurückbeordert.

So erfuhr ein äusserst freundlicher deutscher Geschäftsmann, zu seiner Überraschung, dass er der gefährliche Problemfall sei und sich, zusätzlich zu den beiden bereits in Frankfurt und Zürich absolvierten Checks, nochmals einer intensiven Sicherheitskontrolle zu unterziehen habe. Während der Wartezeit erklärte der Kapitän den übrigen Passagieren die skurrile Sachlage und versicherte mehrmals, dass die betroffene Person keine Schuld trage und auch keine Gefahr darstelle.

Der Passagier liess das Ganze mit bewundernswerter Ruhe über sich ergehen und durfte, nachdem seine Ungefährlichkeit zum dritten Mal festgestellt wurde, als Dank für seine Kooperation in der Business Class Richtung Land der unbegrenzten (Kontroll)Möglichkeiten fliegen.

Wir aber versuchten, während wir uns bemühten die knappe Stunde Verspätung wieder wettzumachen, zu verstehen warum die Leute immer noch freiwillig in die USA fliegen. Eine Antwort darauf fand ich allerdings erst heute Mittag, als ich mich beim Verzehr eines New England Clam Chowder und einer Wasserkakerlake mit der amerikanischen Kultur aussöhnte…

 

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2 Antworten to “Security Measures”

  1. G! Says:

    Yes, we can! Es stimmt eben doch, dass mit Obama alles besser wird…

  2. skypointer Says:

    Der Lobster ist zumindest nicht schlechter geworden… 😉

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