Im Zickzack durch Asien (Take the long way home 2)

Lange Nachtflüge bin ich ja gewohnt. Dennoch wartete der Heimflug von Hong Kong mit einer unangenehmen Überraschung auf. Trotz erhöhter Geschwindigkeit übertraf die Flugzeit mit 13:15 Stunden, die geplante Blockzeit – die Summe aus Flugzeit plus Rollzeit – um ganze 20 Minuten. Da mit durchschnittlich 30 Knoten der vorhergesagte Gegenwind im normalen Bereich lag, stellten wir uns natürlich die Frage, weshalb die Flugzeit ins Endlose ausartete.

Da es nicht am Wind lag, musste es an der Route liegen und tatsächlich entsprach diese ganz und gar nicht der Luftlinie, die im Englischen poetisch „as the crow flies“ genannt wird. In unserem Fall müsste diese Krähe schon ziemlich besoffen sein. Im Zickzack durch Asien schien das Motto unseres Fluges zu lauten:

 

Dass wir den Himalaya umfliegen mussten, war noch normal. Die direkte Route ist nicht möglich, da im Falle eines Kabinendruckabfalles der Sauerstoff nicht ausreichen würde. Was aber nach Urumqi geplant war, liess uns kurz am Verstand unserer Dispatcher zweifeln. Statt auf dem kürzesten Weg über Astana, Ufa und Kiew, sollte unsere Reise weit südlich über den Aralsee und das Kaspische Meer Richtung Baku führen, um danach abrupt nach Norden umzuschwenken und via Schwarzes Meer und Rumänien schliesslich doch noch in Zürich zu enden. Das Resultat: Eine gute halbe Stunde Umweg, was gut zwei Tonnen mehr Treibstoffverbrauch bedeutet. Um trotz der langen Flugzeit in Zürich möglichst keine Anschlüsse zu verpassen, wurde schneller geflogen, was nochmals etwa zwei Tonnen Mehrverbrauch verursachte. Wegen den zusätzlichen 4 Tonnen Treibstoff, mussten wir zudem Fracht stehen lassen, da wir sonst das maximale Stargewicht überschritten hätten.

Die Begründung für diesen ökonomischen und ökologischen Wahnsinn fand sich in unseren Planungsunterlagen:

28MAR10 Overflight permission not approved by Russia

Flight has to be planned outside Russian Airspace, due to missing Permission by FANA. (URRC FIR is ok over Black Sea)

Väterchen Russland wollte uns also nicht!  Dass uns Libyen den Überflug untersagt, leuchtet mir ein. Wahrscheinlich zittert der furchtlose Qadhafi vor Angst Herr Skypointer könnte ihm im Vorbeiflug, in Reagan-Manier, ein paar Tonnen Stahl auf seinen schönen Palast werfen. Aber Russland und Wladimir Wladimirowitsch Putin haben keinen Anlass meinen Zorn zu fürchten und so müssen andere Gründe für das Überflugverbot bestehen.

Natürlich geht es um das liebe Geld. In schöner Regelmässigkeit hat Russland nämlich in den letzten Jahren, auf jede Flugplanperiode hin, die Überfluggebühren erhöht, bis die Swiss beim letzten Preisaufschlag, per 28. März, nicht mehr bereit war zu bezahlen. Deshalb darf der Hong Kong Flug zurzeit den russischen Luftraum nicht mehr durchqueren.

Natürlich spart Swiss dadurch nichts. Im Gegenteil. Der Mehrverbrauch an Kerosin und die Einnahmeausfälle wegen verminderter Zuladung verursachen, bei zwei täglichen Flügen, mit der Zeit erhebliche Kosten. Aber offenbar stärkt es unsere Verhandlungsposition, wenn wir, statt unser Geld den Russen für Überflugrechte, den Arabern fürs Öl nachwerfen. Die Scheichs können daraus, als Nebeneffekt, ein paar schöne Geschenke für den Gastgeber des Gipfels der Arabischen Liga und selbsternannten Führer aller Araber kaufen.

Qadhafi wird’s freuen…

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6 Antworten to “Im Zickzack durch Asien (Take the long way home 2)”

  1. nff Says:

    Skypointer in die Politik – ach was: Skypointer zu Viktor & Mike! Danke für den köstlichen Beitrag!

  2. Severin Says:

    genau das gleiche haben wir auch mitgemacht, nur wars bei uns von Shanghai nach Hause; nach einem Abstecher nach Peking liefs dann ziemlich gleich ab wie bei euch und wir wurden auch mit satten 13:20 belohnt. Es resultierte eine satte Stunde Verspätung… was wäre das Leben schon ohne die Politik…

  3. IVBANKER Says:

    Salut

    Habe in der Presse von den geplatzen Reifen in Hong Kong gelesen… ist das jetzt „Take the long way home 3“ zumindest für die betreffende Maschine…. Don’t get me wrong… will mich nicht lustig machen… Bin froh, dass nichts passiert ist… Gruess

  4. skypointer Says:

    Das Flugi tut mir nicht besonders leid – auch wenn die Bilder mit dem zermuksten Fahrwerk nicht besonders schön anzusehen waren. Die Passagiere, die nicht nach Hause fliegen konnten hingegen haben meine Sympathie. Die Crew hat hoffentlich den verlängerten Hong Kong Aufenthalt bei einem grossen Bier genossen…

  5. Jesse Says:

    Genau dasselbe heute auf nzz online:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/russland_verweigert_swiss-maschinen_ueberflug_1.5828725.html
    Offenbar war der journalist aus *unbekannten* pilotenkreisen bestens informiert 😉

  6. skypointer Says:

    Aha. Die grose NZZ informiert sich auf meinem Blog?!? Was ist bloss aus dem Qualitätsjournalismus geworden!

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