Der Berg ruft

Weder Blasen an den Füssen, noch wunde Schienbeine, steinharte Waden, Schuhrandprellung, ziehende Oberschenkel, schmerzende Adduktoren, plattgedrückte Bandscheiben, verspannte Schultern oder verkaterte Muskeln können einen wahren Skijunkie von seiner Sucht abhalten.

Pünktlich um halb acht beendet der Wecker den komatösen Schlaf und unter Ächzen werden die eingerosteten Scharniere aus dem Bett gequält. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigt, dass es heute sonnig wird – und saukalt.

Hastig wird der Körper bei einem kurzen Frühstück mit der nötigen Energie versorgt um den anstrengenden Morgen zu überstehen. Danach werden etwa 20 Schichten Thermounterwäsche angezogen, der Ski Anzug übergestreift und die Füsse in die als Skischuhe getarnten Schraubstöcke gequetscht. Helm auf und ab geht’s Richtung Seilbahn.

Die Gondel ist trotz der unchristlichen Zeit bereits proppenvoll und in dank der unfreiwilligen körperlichen Nähe entwickeln sich die unterschiedlichsten Gerüche. Der Mix aus Alkoholfahnen, Flatulenz, Schweiss und Käsefüssen spottet jeder Beschreibung und ein kollektives Aufatmen begrüsst den frischen Luftzug, als sich auf dem Gipfel die Türen öffnen.

Alles stürzt unter vollem Einsatz von Händen, Ellbogen, Stöcken, Skis und Snowboards ins Freie. Jeder will als Erster den Hang erobern. Also schnell Schuhe schliessen, Ski und Stöcke montieren, Kragen zurechtrücken und schon geht’s los.

Bei minus 20°C findet der Fahrtwind jede noch so kleine Lücke in der Kleidung und die Wangen fühlen sich an, als ob tausend kleine Nadeln sie malträtieren würden. Die schneidende Kälte bringt die Augen zum Tränen und kratzt in den Lungen. Bei jedem Stopp beschlägt der Atem die Brille, so dass trotz schönstem Wetter die Sicht schlechter ist als im dichtesten Nebel.

Trotzdem geht’s den ganzen Tag hoch und runter. Pausen sind etwas für Weicheier und die Schönen und Reichen Möchtegerns mit Cüpli im Liegestuhl der Skihütte, die eh niemand ernst nimmt. Nur am Mittag wird das auf und ab für eine halbe Stunde unterbrochen. Schliesslich braucht der Körper neue Energie für den Nachmittag.

Um 16 Uhr 30 wird auf dem Sessellift von hinten zugesehen, wie der Zweitletzte den Berg hoch fährt. Dann geht’s nach Hause. Dort wartet die Dusche und eine Familienpackung Persknidol. Nach einem frühen Nachtessen geht es ins Bett. Für Après-Ski bleibt keine Zeit, denn der Körper braucht Ruhe. Auch Morgen ruft wieder der Berg…

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