Tarnung

Tarnung ist das halbe Leben! Dank meiner militärischen Schulung müsste ich diese Lektion eigentlich längst verinnerlicht haben. Trotzdem ist mir diese Tatsache im zivilen Leben bis heute offenbar zuwenig bewusst gewesen. Um so mehr fiel es mir hier in Johannesburg wie Schuppen von den Augen.

Kaum gelandet, noch vor dem ersten Bier und erst recht vor dem ersten Filet, fiel mein Blick auf der Fahrt Richtung Hotel auf ein besonders stämmiges Exemplar der einheimischen Flora.

Was bei oberflächlicher Betrachtung unverdächtig nach einem besonders stolzen Nadelbaum aussah, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als profane, aber perfekt getarnte Mobilfunkantenne.

Antenne_klein antenne_gross

Einmal auf die ungewöhnliche Spezies aufmerksam geworden, entdeckte ich plötzlich unzählige Variationen dieser getarnten Sendemasten. Vom schlichten Tarnanstrich, über die auf den zweiten Blick doch relativ offensichtlichen Nadelgehölze, bis zur ausgeklügelten, in natürlichen Wäldchen versteckten Pseudopalme, fanden sich plötzlich überall versteckte Antennen.

Ich erinnerte mich an die beinahe hysterischen Diskussionen, die das Aufstellen neuer Mobilfunkmasten in der Schweiz jeweils auslöst. Schlafstörungen, Dauermüdigkeit, Nervosität, Depressionen, Gliederschmerzen und Herzrhythmusstörungen sind nur einige der Beschwerden, die von der modernen Plage der Menschheit verursacht werden. Dazu kommen noch Diskussionen um Grenzwerte, der Aufbau von Bürgerforen und schliesslich Verschwörungstheorien und Realitätsverlust, was bei bereits vorhandenen Depressionen natürlich besonders gefährlich ist.

Mir fiel auf, dass diese Symptome mit jenen identisch sind, die auch durch Fluglärm hervorgerufen werden. Obwohl also die Möglichkeit besteht, dass Sendemasten statt Flugzeuge der wahre Grund für die psychosomatischen Beschwerden einiger Bewohner von Anflugschneisen sind, dürfte dies kaum zur Entspannung der politischen Diskussionen führen.

Statt dessen sollte man die Genialität und das versteckte Potential der südafrikanischen Tarnaktion nutzen. Aus der Kongruenz der Symptome und der Erkenntnis, dass unsichtbare Antennen offenbar keine Strahlenbeschwerden verursachen, liesse sich schliessen, dass auch Fluglärm nur stört, wenn man ein Flugzeug sieht.

Deshalb sollte geklärt werden wie sich Flugzeuge mit künstlichen Federn tarnen lassen und welche Vögel sich für eine solche Maskerade am besten eignen. Steinadler, Storch, Albatross und Andenkondor drängen sich dabei je nach Region auf. Amsel, Drossel, Fink und Star wohl weniger.

Zum Wohle der Bevölkerung fordere ich zudem, als Sofortmassnahme, ein Tarnanstrichobligatorium für alle Flugzeuge und den Verzicht auf das Einschalten der Aussenbeleuchtung in den sensiblen Nachtstunden.

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7 Antworten to “Tarnung”

  1. Bungee Says:

    treffender beitrag, die lösung könnte aber zu verzwickten situationen führen wie:
    „xyz, you are number two behind invisible airbus on final, confirm traffic in sight“

  2. TWR Mädel Says:

    Tönt eigentlich ganz gut… solange du mir nicht auch noch den Transponder ausschaltest…

  3. Leeredose Says:

    Eure nördlichen Nachbarn praktizieren das auch schon länger. – Ein Beispiel gibt es hier:
    http://www.nobbi.com/gallery/galleryf.html

    😉

    Btw.: Es gibt da so eine Geschichte von einem Dorf. – Es wurde ein Funkmast aufgestellt und mit Antennen bestückt. Auf einmal ging das Rumoren los. Die Kühe würden keine Milch mehr geben, die Leute hätten alle Kopfschmwerzen und Schlafbeschwerden.
    Eines Tages erschien ein Techniker des Mobilfunkunternehmens und wurde natürlich sofort mit den Vorwürfen konfrontiert. – Hierauf entgegnete er relativ kühl „Und, was meinen Sie, was denn erst geschehen wird, wenn wir die Sendeanlage ersteinmal einschalten?“. – Seitdem schweigt die Dorfgemeinschaft zum Thema Mobilfunk.

  4. Tomy Says:

    Na das ist doch einmal ein kreativer Ansatz!

  5. skypointer Says:

    🙂

    @Bungee
    Die Situation kann nicht eintreten, da natürlich strikte Funkstille zu wahren wäre! Schliesslich hat heute ja fast jeder einen Flugfunk Scanner…

    @TWR Mädel
    Falls man sofort http://radar.zhaw.ch/radar.html vom Netz nimmt, könnte man den Transponder wohl eingeschaltet lassen…

    @Leeredose
    Nennt man das Phantomschmerzen?

  6. Rupert Müller Says:

    Mir fiel auf, dass diese Symptome mit jenen identisch sind, die auch durch Fluglärm hervorgerufen werden. Obwohl also die Möglichkeit besteht, dass Sendemasten statt Flugzeuge der wahre Grund für die psychosomatischen Beschwerden einiger Bewohner von Anflugschneisen sind, dürfte dies kaum zur Entspannung der politischen Diskussionen führen.

    Die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm inklusive Fluglärm sind unbestritten. Verständlich, aber dennoch schade, dass Du als Pilot diese Fakten wegzureden versuchst. Pilot ist nun einmal ein Beruf, der für den Nutzen weniger Passiere viele andere Menschen schädigt.

    Wer es sich leisten kann, wohnt nicht ohne Grund üblicherweise in Gebieten mit möglichst wenig Lärm. Hauptverkehrsachsen, Flugschneisen, Eisenbahnlinien lassen grüssen!

    Falls man sofort http://radar.zhaw.ch/radar.html vom Netz nimmt, könnte man den Transponder wohl eingeschaltet lassen.

    radar.zhaw.ch basiert auf ADS-B, nicht auf Radar.

  7. skypointer Says:

    Danke für den sachlich-kritischen Kommentar. Ich wollte hier aber keine Fakten wegreden – oder schreiben. 😉 Ich stimme Dir zum Teil sogar zu.

    Ich glaube zwar nicht, dass Lärm direkt krank macht, sonst müsste ich, der sein ganzes Leben im An- und Abflugkorridor des Flughafen Kloten gewohnt hat, wohl auch gesundheitlich geschädigt sein.

    Im Artikel bezeichnete ich die Symptome als psychosomatisch, also als reale körperliche Beschwerden, die eine psychische Ursache haben. Damit will ich nun aber nicht jeden Lärmgeplagten als Psychopaten abstempeln, sondern ich versuche zu sagen, dass die Beschweren meines Erachtens dadurch entstehen, dass man sich über Lärm, Antennen oder sonst etwas nervt. Der dadurch entstehende Stress ist also der wahre Auslöser und Lärm kann den Stress auslösen, das bestreite ich nicht.

    Manche Leute stresst Lärm mehr und andere weniger oder gar nicht. Deshalb leiden nicht alle gleich stark.

    Einige der ganz hysterischen Bürgerorganisationen fördern den Stress der sensiblen Personen indem sie permanent auf allen Kanälen betonen wie unzumutbar alles ist und dass sich die Regierung und die ganze Welt gegen sie verschworen hat. Am Schluss regen sich die Leute durch die Verschwörungstheorien und die Panikmache so sehr auf, dass der Stress zunimmt oder vielleicht sogar erst ausgelöst wird!

    Etwas mehr Gelassenheit, so bin ich überzeugt, würde einen Grossteil des gesundheitlichen Problems aus der Welt schaffen.

    Ich als Pilot transportiere tatsächlich Passagiere. Zusammen mit meinem Arbeitgeber, offeriere ich eine Dienstleistung, die offensichtlich in unserer Welt ein Bedürfnis darstellt. Ohne Passagiere wird nicht geflogen. Wenn ich das Flugzeug nicht pilotieren würde, täte es jemand anderer – weniger Lärm oder Umweltbelastung würde dadurch nicht entstehen. Deshalb schädige ich und mein Beruf niemanden. Wenn schon etwas Schaden anrichtet, dann ist es das Transportbedürfnis unserer Gesellschaft.

    Zu http://radar.zhaw.ch/radar.html:

    Gemäss http://radar.zhaw.ch/faq.html werden die Transponderdaten für die Darstellung benutzt. Hat also nichts mit ADS-B zu tun. ADS wird beim Anflug auf Zürich (noch) nicht genutzt.

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