Big Brother im Cockpit

Abkürzungen sind cool. Gut gewählt, bilden sie eine Art Geheimsprache, mit der sich eine Gruppe von Eingeweihten vom ahnungslosen Rest abgrenzen kann. Für Aussenstehende tönt das dann geheimnisvoll, gebildet, professionell oder einfach nur dämlich.

Aus letzterem Grund versuche ich Abkürzungen zu vermeiden oder zumindest zu erklären. Wenn ich diesen Grundsatz vernachlässige, stelle ich oft fest, dass dies zu Verwirrung führt, weil manchmal das gleiche Kürzel in verschiedenen Zusammenhängen verwendet wird. Ein gutes Beispiel dafür ist ABS. Wikipedia findet dafür sage und schreibe 25 Erklärungen aus so unterschiedlichen Gebieten wie Chemie, Medizin, Finanzwirtschaft, Automobiltechnik, Verwaltung und vielem mehr.

Diese Liste ist allerdings nicht abschliessend, denn von Wikipedia unbemerkt, versteht man in der Aviatik unter ABS (Auto Brake System) das automatische Bremssystem, während das Pendant zum ABS (Antiblockiersystem) des Autos, beim Flugzeug Anti Skid heisst.

In einem Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag führte allerdings eine andere Abkürzung zu Verwirrung: ADAS. Ich bezeichnete dieses System auch als Big Brother.

Die Assoziation zwischen in Container eingesperrten Kandidaten und in eine Röhre gepferchten Piloten liegt zwar auf der Hand und das TV Format ist etwa so interessant wie ein zwölfstündiger Nachtflug, aber ich meinte den grossen Bruder trotzdem im streng orwellschen Sinn.

Deshalb kann ADAS im Flugzeug auch nicht die gleiche Bedeutung haben wie jenes  im Auto (Advanced Driver Assistance Systems), wo diese Fahrerassistenzsysteme eine Vielzahl von nützlichen Helfern umfassen, auf deren schöne Abkürzungen (ASR, ESP, EDS, HUD, BAS, ANB, ACC oder ISA) ich an dieser Stelle bewusst nicht eingehe.

Zurück zum ADAS im Flugzeug. Das Aeroplane Data Acquisition System sammelt, wie sein Name sagt, Informationen über beinahe sämtliche Systeme und Anzeigen eines modernen Flugzeuges. Diese werden unter anderem im Flight Data Recorder, der signalorangen Black Box, gespeichert und sind bekanntlich für die Ursachenforschung bei Flugunfällen besonders wichtig. Aber auch die Technik kann diese Daten, zwecks Fehlersuche und zur Optimierung von Wartungszyklen, durch ein eigenes System Zugriff auswerten.

Für uns Piloten ist aber die Möglichkeit durch ADAS unsere fliegerische Leistung und das Einhalten von Limiten zu überwachen von besonderem Interesse. Die Abteilung für Flugdatenauswertung erfasst alle Überschreitungen von Limiten statistisch. Diese Erkenntnisse fliessen dann in Sicherheitsinformationen und Schulungsprogramme ein.

Natürlich kann ich auch selbst eine Auswertung der Daten anfordern, falls ich eine Situation erlebe, in der ich das Verhalten des Flugzeugs nicht nachvollziehen kann.

Zudem erhalte ich von unserer Flugdatenauswertung eine freundliche Bitte um Stellungnahme, falls ich zu schnell fliege oder rolle, zu stark bremse, im Anflug nicht stabilisiert bin, zu lang lande oder sonst eine fliegerische Schandtat begehe.

Wer also gedacht hat, dass über den Wolken die Freiheit grenzenlos sei, der hat sich von Reinhard Mey tüchtig auf den Arm nehmen lassen! In Wahrheit heisst es dort: Big brother is watching you…

…in diesem Sinn: Willkommen in der Realität.

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