Unruly PAX

Manchmal haben unsere Sponsoren nicht nur ein Brett vor dem Kopf, sondern, was auf einem Flug nach China wiederum nicht sonderlich erstaunen sollte, eine ganze chinesische Mauer.

Genau. Zur Zeit und zur Abwechslung sitze ich wieder einmal in Shanghai. Diesmal starteten wir in Zürich aber bereits mit einer Stunde Verspätung, da wir auf knapp 20 Passagiere eines Anschlussfluges warten mussten.

In solchen Fällen ist es immer spannend, wenn man aus dem Cockpit dem Treiben der verspäteten Passagiere zuschauen kann. Da gibt es jene, die von der Angst, den Flug doch noch zu verpassen, getrieben, schweisstriefend den Jetty herunter hetzen. Natürlich ist uns diese Gruppe die liebste. Nicht weil sie während des Fluges besonders gut riecht, aber sie strengen sich redlich an den Schaden für die Wartenden möglichst klein zu halten.

Leider werden diese Bemühungen meist von der zweiten, weniger bemühten, dafür wesentlich bemühenderen Gruppe zunichte gemacht. Diese Leute sind es offensichtlich gewohnt, dass die ganze Welt nur auf sie wartet und schlendern betont langsam Richtung Flugzeug. Von nichts und niemandem lassen sie sich aus der Ruhe bringen und wer glaubt, diese Zeitgenossen zeigten sich wenigstens ein Bisschen dankbar, dass man auf sie gewartet hat, der täuscht sich gewaltig.

Mit zwei Vertreterinnen dieser unsympathischen Spezies hatte ich Gestern zu Beginn allerdings beinahe Mitleid. Zwei wohlbeleibte Damen wälzten sich im Schneckentempo durch den Passagierabfüllstutzen und ich konnte ihnen, angesichts ihres Leibesumfanges, die mangelnde Eile nicht einmal verübeln. Bald sollte sich aber herausstellen, dass an den beiden das einzig gemütliche ihr Tempo war.

Kurz nachdem wir unsere Reiseflughöhe erreicht hatten, tauchten diese Economy Passagierinnen nämlich in der Business Class auf und begannen sich dort häuslich einzurichten. Auf die Frage, was sie genau im Schilde führten, wurde unserem Flight Attendant mitgeteilt, dass es in der Eco Klasse viel zu eng sei und dass sie deshalb den Rest des Fluges in den geräumigen C-Class Sitzen verbringen würden. Von einer allfälligen Kostenpflicht eines solchen Vorhabens wollten die beiden Früchtchen natürlich nichts wissen, worauf sie die bequemen Sessel, unter Protest, wieder Richtung Holzklasse verlassen mussten.

Bald darauf bemerkte ein F/A, dass sich die Ladies eine andere Lösung für ihr Platzproblem hatten einfallen lassen. Während die eine sich quer über zwei Sitze räkelte, hatte die andere ihre Ruhestatt auf dem Boden zwischen den Sitzreihen aufgeschlagen. Dem Hinweis, dass dies aus Sicherheitsgründen verboten sei, wurde zwar knurrend Folge geleistet, als das F/A aber das nächste Mal bei den beengten Damen vorbei kam, befanden sie sich wieder in der gleichen Stellung.

Damit stand einem munteren Katz und Maus Spiel, das allerdings keinem der beteiligten so richtig Spass machte, nichts mehr im Wege und schliesslich gipfelte das Ganze in einer tätlichen Bedrohung unserer Maître Cabine. An diesem Punkt wurden auch wir im Cockpit ins Geschehen involviert.

Leider wurde mein Angebot, die beiden Ladies mit der Feueraxt ruhig zu stellen, dankend abgelehnt und auch mein Vorschlag sie bei einer Zwischenlandung mitten in Kazakhstan, bei minus 30°C, kurzerhand aus dem Flugzeug zu werfen, wurde nicht wirklich ernst genommen. Statt dessen liess man es bei einer schriftlichen Verwarnung mit Androhung von polizeilichen Konsequenzen bewenden. Offenbar hat aber diese Massnahme die gewünschte Wirkung entfaltet und die Damen haben sich danach vor Freundlichkeit geradezu überschlagen.

Trotzdem finde ich es schade, dass es mir vergönnt blieb die Gesichter der beiden zu sehen, wenn sie in Atyrau, Aktjubinsk oder Astana erfahren hätten, dass ihre Reise hier zu Ende sei…

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12 Antworten to “Unruly PAX”

  1. Bungee Says:

    ab wann ist eigentlich ein unruly pax report zu verfassen?

    happy landings

  2. skypointer Says:

    Hi Bungee

    Das Ding heisst offiziell PDR (Passenger Disturbance Report) und wird ausgestellt, wenn sich ein Passagier „unruly“ oder zu deutsch renitent verhält. Dies ist wie folgt definiert:

    – Ausfälliges Verhalten gegenüber Besatzung oder Passagieren
    – Weigerung sich an Regeln zu halten (z.B. Rauchverbot)
    – Mehrmaliges Missachten von Anweisungen der Besatzung
    – Übermässiger Konsum von Alkohol oder Medikamenten

    In solchen Fällen wird zuerst eine verbale Warnung ausgesprochen.

    Falls das nicht hilft, wird, als zweite Stufe, das fehlbare Verhalten Protokolliert und eine Schriftliche Verwarnung ausgesprochen.

    Falls der Passagier danach noch immer nicht zur Vernunft kommt, werden als letzter Schritt die Behörden informiert, welche den Sünder dann nach der Landung mit einem Empfangskomitee abholen.

    In exremen Fällen kann der Passagier zudem noch in Fesseln gelegt und/oder bei einer Zwischenlandung ausgeladen werden.

    Das finale Ruhigstellen mit der Feueraxt ist hingegen keine offizielle Massnahme… 😉

  3. Peter Says:

    So wie früher in der Schule: Vor die Tür mit ihnen!!
    你好上海
    Peter

  4. skypointer Says:

    Am Besten auf Flight Level 350.

  5. Philippe Says:

    Interessante Geschichte, durfte auch einmal miterleben wie der Captain einem Pax die Alternativen aufzeigte. Aus Interesse: Was ist denn der Entscheidungsgrund, zwischenzulanden? Hättet ihr das gemacht wenn die Damen sich weiterhin so benommen hättet? Was meint der Arbeitgeber zu den dadurch entstehenden Kosten?

  6. Bungee Says:

    der kostenpunkt würde mich auch interessieren und wie verhält sich das mit der beförderungspflicht der airline gegenüber dem betroffenen pax?

  7. skypointer Says:

    Im gegebenen Fall wäre eine Zwischenlandung sicher nicht angebracht gewesen – mir gefällt einfach die Vorstellung…

    Eine Zwischenlandung drängt sich auf, wenn das Verhalten des Passagiers die Sicherheit des Fluges oder den Komfort der Passagiere derart gefährdet wird, dass ein Vortsetzen des Fluges nicht mehr möglich ist. Es besteht also ein gewisser Ermessenspielraum für den Kapitän.

    Die Kostenfrage wird in einem solchen Fall wohl Juristenfutter werden. Wenn dem Passagier aber an Bord Alkohol serviert wurde, so entscheidet die Gerichtsprtaxis oft zu ungunsten der Airlines.

    Gemäss Tokyo Convention hat der Kapitän die Pflicht alle nötigen Massnahmen gegenüber unruly Pax zu ergeifen um die Sicherheit des Flugzeuges, von Personen und Besitztum zu gewährleisten. Die Transportpflicht für ausfällige Passagiere verfällt und auch jeder Zukünftige Transport kann die Airline einer solchen Person verweigern.

  8. skypointer Says:

    Ich töne ja fast selbst schon wie ein Jurist…:-(

  9. Bungee Says:

    es gibt durchaus schlimmeres 😉
    danke für die infos,

    happy landings

  10. TWR Mädel Says:

    Da lob ich mir doch meinen Job – unruly Pilots marschieren in die Kühlbox und wenn sie dann schön wieder folgsam sind gibts auch ne Approach-Clearance 😉
    Zum Glück müssen wir höchst selten zu solch drastischen Massnahmen greifen auch wenn sie sehr wirkungsvoll sind…

    Gruss vom TWR Mädel, die hier auch ab und zu reinschmökert

  11. skypointer Says:

    Das mit der Kühlbox funktioniert ja auch im Eishockey ganz gut. Nur habe ich noch nicht herausgefunden, wie man es im Flugzeug anwenden kann…

  12. Tobi Says:

    Hm, vielleicht einfach mal die Kabine abkühlen, unter den ganzen Protesten gehen dann die Renitenten schnell unter 😉

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