Shanghaied

Zum Jahresanfang wurde ich strafversetzt. Eine Woche Shanghai. Shanghaied eben. Entgegen der Beschreibung von Wikipedia, wurde ich aber nicht in einer Hafenkneipe aufgegriffen und nein, auch nicht in einem Bordell. Die Pressgang des 18. Jahrhunderts wurde nämlich mittlerweile automatisiert und in Preferential Bidding System oder eben Planungsroulette umgetauft. Diese Euphemismen tönten zwar zivilisierter, setzen aber dem zivilisierten Leben genauso brutal ein Ende.

Deshalb sitze ich also in Shanghai. Die Stadt meint es wahrlich nicht gut mit mir. Letzten Sommer wurde ich hier mit 40° C und gut doppelt so hoher Luftfeuchtigkeit dampfgegart und jetzt werde ich bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt schockgefroren.

Auch mit dem Chinesischen Essen habe ich ab und zu meine Mühe. Zwar wurde ich bisher von Delikatessen wie Rinderbandwürmern und ähnlichem verschont, aber die Köche lieferten schon mehrmals mehr Chilischoten als Fleisch, was selbst für meine abgebrühten Geschmacksnerven zu viel des Guten ist. Deshalb lehnten wir gestern die erste Empfehlung des Concierge dankend ab und verlangten explizit nach etwas weniger scharfem. Die Küche des Restaurants, das er uns schliesslich ans Herz legte, beschrieb er als „Shanghai Style, süss statt scharf“. Tatsächlich fand sich dann auf meinem Teller keine Spur von Chili…

Chili

Als der Schmerz im Mund langsam verebbte, erhielt der Kapitän via SMS eine Einladung von einem in Shanghai arbeitenden Schweizer: Er sei gerade auf dem Weg ins KTV und wir sollen doch auch noch kommen. Nach mehreren klärenden Nachfragen machten sich zwei Greenhörner auf den Weg ins besagte KTV – mitten im Nirgendwo, wo offenbar gesungen, gespielt und herumgealbert wurde.

Das erste mal gestaunt haben wir, als uns am Zielort in einer mit üppigen Plüschsesseln bestückten Lobby, der Zutritt verweigert wurde. Mehrere Telefonate später wurde uns dann doch noch Einlass gewährt und wir wurden in eine VIP Lounge geführt, wo wir von zwei Landsleuten und einem Chinesischen Geschäftsmann in empfangen wurden. Die drei hatten gerade ein Geschäft besiegelt und waren dies typisch asiatisch am feiern.

Die Lounge war mit einem Karaoke Soundsystem und diversen Damen bestückt. Ich war froh, dass wir bereits shanghaied waren, denn dieses  KTV entsprach recht genau den offenbar auch von Pressgangs bevorzugten Etablissements…

Honi soit qui mal y pense. Wir haben gesungen, herumgealbert und in bester chinesischer Tradition gewürfelt. Das Wichtigste war schnell gelernt: Gewürfelt wurde mit Bechern und der Verlierer musste bechern…

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Eine Antwort to “Shanghaied”

  1. Peter Says:

    Sooo schön!!! …. der Text und der Teller!!! … und Shanghai natürlich sowieso!!!
    Gruss und guten Heimflug
    Peter

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