Doppelmoral, Minarette und Keksdosen

Kaum verlässt man die Schweiz einmal für ein paar Tage, werden Entscheide gefällt, die man als liberaler Denker nur schwer nachvollziehen kann. So wurde letzten Sonntag, während ich zwecks Filet- und Weinvernichtung durch Abwesenheit glänzte, die Initiative für ein Bauverbot für Minarette vom Schweizer Volk angenommen.

Deshalb geht nun ein Entrüstungssturm durch den heimischen Blätterwald und auch in der muslimischen Welt werden Proteste wohl nicht ausbleiben. Als jemand der liberale Werte hoch hält, ist auch mir dieses Abstimmungsresultat ein Gräuel. In das Protestgeheul mag ich allerdings nicht einstimmen.

Was mir nämlich mindestens so sehr auf den Geist geht, wie der für mich unverständliche Schweizer Volksentscheid, ist die Doppelmoral der arabisch-muslimischen Welt. Schon die Anschläge von 9/11 wurden nur halbherzig verurteilt und der grösste Teil aller Terroranschläge geht auf das Konto islamistischer Gruppierungen. Die Empörung der muslimischen Welt hält sich dabei noch immer sehr in Grenzen.

Regelmässig profilieren sich zudem islamische Staaten, wie Nigeria, Saudi-Arabien und Iran, als die intolerantesten dieser Welt. Proteste aus arabischen oder anderen muslimischen Ländern bleiben dabei aus. An das Einhalten der Grundsätze, auf deren Basis der Schweizer Volksentscheid (zurecht) kritisiert wird, denkt man in diesen Staaten zudem meist nicht einmal im Traum. Religionsfreiheit ist selbst in relativ gemässigten Staaten wie Ägypten ein Fremdwort. Zur Veranschaulichung hier ein Link.

Mit solcher Doppelmoral vergeben sich die Länder mit Führungsanspruch in der muslimischen Welt leider nicht nur jegliche moralische Grundlage das Schweizer Minarettverbot zu kritisieren, sondern sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen die besten Wahlhelfer der nationalistischen Volksverhetzer Europas zu sein.

Despoten wie Omar al-Baschir im Sudan oder Qadhafi in Libyen müssen sich ebenfalls nicht vor Kritik aus ihren muslimischen Bruderstaaten fürchten, denn ihr eigener Machterhalt geht den absolutistischen Herrschern der muslimischen Welt weit über ethische Grundsätze. Oder anders ausgedrückt: Ohne Qadhafis menschenverachtendes, völkerrechtswidriges und absolut idiotisches Benehmen wäre diese Abstimmung wohl anders verlaufen. Die Schweizer Muslime dürfen sich also bei Herrn Qadhafi für die Einschränkung ihrer Rechte bedanken!

Das soll keine Entschuldigung sein und fair ist es auch nicht. In der Sache ist aber wohl auch noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn der neue Verfassungsartikel wird ziemlich sicher am Bundesgericht und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angefochten. Dort entscheidet sich dann, ob das Minarettverbot rechtens ist oder nicht. Ich vertraue darauf, dass sich die Schweiz, falls nötig, diesem Urteil beugen wird.

Ganz sicher wird durch den Volksentscheid auch kein einziges Problem gelöst. Wie sollte es auch – die Initiative kam ja aus SVP Kreisen. Allerdings werden, sogar für Leute, mit selbst nach SVP Massstäben unverdächtiger Herkunft und Religion, unvorhergesehene Rechtsfragen entstehen. Ich jedenfalls warte nur darauf von einem übereifrigen Staatsbürger verklagt zu werden, weil er denkt, dass meine mit weihnachtlichem Kerzenschmuck verzierte Keksdose gegen das neu eingeführte Minarettverbot verstösst…

Minarette

Advertisements

4 Antworten to “Doppelmoral, Minarette und Keksdosen”

  1. Philippe Says:

    Sehr schön und mir aus der Seele geschrieben. Etwas ähnliches hast du ja auch als Kommentar dem Wüstenpilot geschrieben. Du hast recht, damit werden keine wirklichen Probleme gelöst und unter dem Strich wird damit auch nicht wirklich was verhindert. Wenn alle diejenigen, die nun deswegen laut aufschreien und rumpoltern bloss dieselbe Energie auf die Zustände in muslimischen Ländern aufwenden würden wäre das leben dort auch freier und angenehmer. Ich finde deinen Blog toll und lese ihn immer wieder gerne (vor allem für mich als Swiss-Vielflieger sind deine Piloten-Infos immer wieder interessant), jetzt erst recht.
    Keep it up
    Philippe

  2. Gérard Binnendijk Says:

    „Aus der Schweiz nichts Neues“
    Das Jahr 2009 hat so richtig das Gesicht der Schweiz gezeigt, zumindest von einem Teil des Volkes. Gott sei Dank gibt es noch genügend Andersdenkende, vor allem in der Lateinischen Schweiz.

    Zwischen Empörung, Entsetzen und Jubel schwankten gestern die Reaktionen in Europa und in der islamischen Welt. Die türkischen Medien reagierten bestürzt. „Die Schweiz hat den Toleranz-Test nicht bestanden“, titelte eine Zeitung, „Sieg der Islamophobie“, hieß es in einer anderen.
    Man kann auch schreiben: die Schweiz hat ein weiteres Mal bewiesen, das das Land noch gar nicht in Europa angekommen ist. Vielen Glaubensbrüdern der SVP und noch weiter rechts orientierten glauben wirklich, man kann so weiter machen wie in der Vergangenheit. Bilaterale I, II, III etc (weil es nicht anders geht, und auch zähneknirschend hat man Schengen unterschrieben.) Die Vorteile überwiegen. Hier wird die Rechnung ohne den Wirt gemacht. EUROPA braucht die Schweiz nicht, wohl aber umgekehrt. Gut wäre es, wenn die Politiker endlich anfangen würden es dem Schweizer Volk beizubringen. Zum Beispiel in Sonntagsreden. Das Zusammenleben in der Gesellschaft ist eine Dual Carriageway und keine Einbahnstrasse.
    Die EU hat in 2009 versucht der Schweiz klar zu machen: Keine Fluchtgelder in die Schweiz, keine Steuerhinterziehung, transparentes Bankgeheimnis unter Einhaltung internationaler Regeln, so dass Drittstaaten nicht geschädigt werden. Die UBS lässt grüssen.
    Heftige Kritik aus der EU. „Ich denke nicht, dass wir ein neues Europa ohne das Recht auf Meinungsäußerung bauen können“, sagte die schwedische Justizministerin Beatrice Ask. (EU-Ratsvorsitz). Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem „Ausdruck von Intoleranz“. Besorgt reagierte die katholische Kirche. Die Entscheidung sei „ein harter Schlag gegen die Religionsfreiheit und die Integration“, hieß es im Vatikan. Die UNO kündigte eine Untersuchung der Rechtmäßigkeit des Bauverbots an. Und Hans Küng brachte es auf den Punkt: „Das wird die Schweiz noch teuer zu stehen kommen.“

    Die Europäische Menschrechtskommission wird aktiv werden und auch verstosst das Ergebnis dieser Abstimmung gegen die Grundsätze der Schweizer Verfassung, Religionsfreiheit und Redefreiheit. Das ist leider gänzlichen untergegangen.

    Natürlich gilt es in der Schweiz die Devise, daß der Souverän entscheidet. Aber der Souverän kann auch falsch entscheiden. Das Schweizer Volk ist so fehlbar wie der Papst. Es wäre nicht das erste Mal.

    Wenn die Euphorie sich gelegt hat (oder Rausch) wird die Ernüchterung kommen.

    Ein Pyrrhussieg!

  3. Richi Says:

    Sehr gute Analyse, finde ich. Die Frage stellt sich tatsächlich zu recht: Was wäre gewesen, ohne den vermaledeiten Gaddaffi-Effekt? Hätte die Initiative diesen Schwung gehabt? Und selbst im Appenzell gilt bei uns heutzutags das Frauenstimmrecht. Genitalverstümmelung, Bilder von ausgepeitschten Frauen, weil sie Hosen trugen usw – wer weiss wie viele Frauen erschreckt zur Urne gegangen sind, um „aus dem Bauch heraus“ abzustimmen?

    „Schon die Anschläge vom 9/11 wurden nur halbherzig verurteilt“, wie du sagst. Das war mir damals auch aufgefallen. Ich stellte mir jeweils die Frage, wie der Papst wohl reagiert haben würde, hätten nicht muslimische Eiferer dieses Verbrechen begangen, sondern christliche Fanatiker. Hätte er mit einem halbherzigen, lauwarmen Statement darauf geantwortet? Gewiss nicht, würde ich mal sagen!

    „Die Schweizer Muslime dürfen sich bei Herrn Quadafi für die Einschränkung ihrer Rechte bedanken!“
    Ich finde, solche Gedanken sollte man nicht unter den Teppich kehren. Somit hat diese unsägliche Abstimmung vielleicht doch noch eine positive Seite. Dann, wenn sie Anlass bietet, zu einer kritischeren und selbstkritischeren Haltung unter Muslimen, dann, wenn sich „Despoten wie Omar-Al-Baschir im Sudan oder Quadafy in Libyen sich vor Kritik aus ihren Bruderstaaten fürchten müssen“. Möge dieser Tag kommen!

    Ich möchte hier noch die Bahais erwähnen. Wer kennt sie schon. Die Bahais sind mit über 2 Millionen Anhängern eine muslimisch geprägte Glaubensgemeinschaft der besonders toleranten Art. Sie werden im Iran gnadenlos verfolgt! Und kein Protest regt sich aus den Bruderländern…

  4. Tomy Says:

    Super auf den Punkt gebracht, genau solche Gedanken gingen mir auch durch den Kopf!

    Danke dafür und weiter so!
    Gruss, Tomy

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: