Ende November, mit Echo statt November

Johannesburg. Joburg. JNB. Immer das selbe. So dachte ich zumindest, als ich gestern Nachmittag unser neues Online Planungsprogramm anwarf, auf das zur Zeit nur der erlauchte Kreis der Instruktoren zugriff hat. Ich konnte aber auch mit diesem neuen Geniestreich unserer Firmendatenbank nichts erkennen, was uns am Abend vom Fliegen abhalten würde.

So stellte ich mich auf die übliche lange Nacht über dem schwarzen Kontinent ein, während der ich Brazzaville auf dem Kurzwellenfunk nicht erreichen, Kinshasa mehr schlecht als recht verstehen und sowohl Qadhafiland, als auch die Gewitter der innertropischen Konvergenzzone weiträumig umfliegen würde.

Bei der Planung stellten wir fest, dass ein Flugzeugwechsel vorgenommen wurde. Statt der HB-JMN, sollte uns neu die HB-JME nach Südafrika transportieren. Offenbar kamen beide Maschinen aus der Wartung und wurden im Verlauf des Tages mehrmals gegenseitig ausgetauscht. Nun aber war die ursprünglich für uns vorgesehene Mike-November den neben uns planenden Kollegen, für den Flug nach Sao Paulo zugeteilt. Dank dem niedrigeren Treibstoffverbrauch unserer Mike-Echo, konnten wir die Betankung noch um 1,5 Tonnen nach unten korrigieren, dann war unsere Planung abgeschlossen. 

Auf dem Weg zum Flugzeug diskutierten wir die alte Fliegerweisheit, dass nichts so gefährlich ist, wie ein Flugzeug, das aus der Wartung kommt. Für gewöhnlich stehen dann selbst die Schalter, die man in den letzten fünf Jahren nie anrühren musste, in der falschen Stellung und meist funktionieren einige Systeme schlechter als je zuvor. Jeder Pilot kann das bestätigen, genauso wie jeder Mechaniker behauptet, das sei eine haltlose Unterstellung…

Diesmal waren die falschen Schalterstellungen allerdings rasch gefunden. Just als ich bereit zum Zurückstossen meldete, stellten wir aber fest, dass sich die Notrutsche einer Türe nicht armieren liess. Also mussten nochmals die Mechaniker aufgeboten werden und da sich das Problem als nicht völlig trivial erwies, dauerte die Reparatur etwa 30 Minuten. Als besonders bitter empfand ich, dass sich, während noch an der Türe gewerkelt wurde, „unsere“ Mike-November in die Luft erhob und Kurs auf Sao Paulo nahm.

Wenige Minuten später wendete sich aber das Glück. Am Funk hörte ich, dass bei unseren Kollegen nach dem Start die Vorflügel blockiert hatten, was sofern das Problem nicht behoben werden konnte, einen Weiterflug verunmöglichte. Als wir dann schliesslich zur Startbahn rollten, entschieden die Kollegen ihren Flug abzubrechen und umzukehren. Da ihr Flugzeug aber viel zu schwer für die Landung war und da sich zudem mit den blockierten Vorflügeln Anfluggeschwindigkeit und Landedistanz massiv erhöhen, würde es weit nach Mitternacht werden, bis sie genug Treibstoff abgelassen hatten, um den anspruchsvollen Anflug in Angriff zu nehmen. Da waren wir zufrieden mit nur 30 Minuten Verspätung, Kaffee schlürfend, mit den misslichen Funkvehältnissen Afrikas kämpfen zu dürfen…

Nach einer langen Nacht wurde es dann noch einmal spannend. In der dünnen Luft des hoch gelegenen Johannesburg und mit gut 50 Kilometern Seitenwind, bei recht starker Thermik über der Piste, war die Landung alles andere als einfach. Der Kapitän meisterte die Aufgabe aber mit Bravour.

Bei der Passkontrolle freute ich mich darüber, dass es noch ein Land gibt, in dem wir als Besatzung unkontrolliert durchmarschieren dürfen. Um so erstaunter war ich, als bei der Gepäckausgabe ein Zollbeamter mit Spürhund auftauchte und als dessen Spürnase gleich bei mehreren Gepäckstücken unserer Besatzung Alarm schlug, konnte ich meine Verwirrung nicht mehr verbergen.

Die verdächtigen Gepäckstücke mussten geöffnet werden und man kann sich meine Belustigung vorstellen, als den verdutzten Kollegen mit ernster Mine erklärt wurde, dass das Einführen eines Apfels verboten sei.

apple-logoIch war für einmal froh, dass sich in meiner Schlepptop Tasche, statt eines Apfels, eine Windose befand und zog breit grinsend von dannen…

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10 Antworten to “Ende November, mit Echo statt November”

  1. Fabian Says:

    Das ist aber kein Ruhmesblatt für die Wartungsmannschaft, oder?

  2. skypointer Says:

    Na wie gesagt, es ist bekannt, dass Flieger, die aus der Wartung kommen oft technische Probleme haben. Das kommt bei den besten Werften vor und liegt an der Komplexität der Technik und hat nichts mit Schlamperei zu tun. Kleine Fehler haben da grosse Auswirkungen und können bei der (nötigen) Sicherheitskultur in der Fliegerei zu grossen Verzögerungen führen.

    Zudem kann wohl niemand sagen ob die oben beschriebenen Probleme wegen oder trotz der Wartung auftraten. Schliesslich werden mit Flugzeugen, die aus der Werft kommen Testflüge durchgeführt, bei denen im beschriebenen Fall alles in Ordnung war. Trotzdem traten dann in der Linienoperation Probleme auf.

    Vielleicht war ja auch nur Mr. Murphy an Bord. Aber wir Piloten bleiben da eher bei der Version, dass bei Flugzeugen aus der Werft besondere Vorsicht geboten ist…

  3. tbones Says:

    Sind die Vorflügel nicht auftrieberhöhend, d.h. man kann bei gleichem Auftrieb langsamer fliegen, muss also auf der Landepiste weniger Geschwindigkeit abbauen?

  4. skypointer Says:

    Genau richtig. Beim Start werden Vorflügel (und Landeklappen) aber nur teilweise ausgefahren. Wenn sie blockieren, dann können sie nicht mehr bewegt und damit auch nicht mehr voll ausgefahren werden. Je nachdem in welcher Position die Vorflügel festsitzen, kann das zu 30 Knoten höherer Anfluggeschwindigkeit führen, was die Landedistanz um 50% erhöht.

  5. Bungee Says:

    http://www.avherald.com/h?article=4236537e&opt=0

  6. tbones Says:

    Wieder was gelernt. Vielen Dank!

  7. akonstan Says:

    schwein gehabt wuerd ich sagen;)

  8. Bodan Says:

    Hallo skypointer,
    Du schreibst:

    Dank dem niedrigeren Treibstoffverbrauch unserer Mike-Echo, konnten wir die Betankung noch um 1,5 Tonnen nach unten korrigieren, dann war unsere Planung abgeschlossen.

    Vielleicht eine blöde Frage. MN und ME sind doch A340er. Ist der Verbrauch da nicht gleich oder mindestens fast gleich?

  9. skypointer Says:

    Hallo Bodan

    Welcome an board. Du stellst überhaupt keine blöde Frage. MN un ME sind tatsächlich beides A340. Sie sind aber nicht ganz Baugleich und schon gar nicht gleich alt. Während ME von Swiss neu gekauft wurde, haben wir die MN von Air Canada übernommen. Die baulichen Unterschiede führen, wegen Gewichtsdifferenzen, schon zu geringfügig anderen Verbrauchszahlen.

    Viel wichtiger ist aber das Alter der Flugzeuge und vor allem der Triebwerke. ME hat die Airbus Produktionsnummer 559, MN ist die 175. Damit ist klar, dass MN viel älter ist.

    Triebwerke werden mit zunehmender Lebensdauer ineffizienter und auch mit dem Alter unweigerlich auftretende kleine Beulen in der Aussenhülle und eine etwas verzogene Rumpfstruktur haben grossen Einfluss auf den Treibstoffverbrauch. All dies führt zu den grösseren Verbrauchszahlen der MN.

    Swiss überwacht den Verbrauch der einzelnen Flugzeuge genau und lässt diese statistischen Daten wieder in die Flugplanung einfliessen. So können bei Langstreckenflügen recht grosse Differenzen zwischen den einzelnen Flugzeugen entstehen, welche nach einem Flugzeuwechsel natürlich korrigiert werden müssen.

  10. Tomy Says:

    Da hast du ja nochmals „Schwein“ gehabt! Übrigens, am 30.11. hatte die ME für den Flug nach JNB auch wieder 30 Minten technische Verspätung… Zu diesem Zeitpunkt warst du wohl schon zu Hause. Wer weiss, vielleicht will es der Zufall ja einmal, dass ich mit Herrn Skypointer fliege (vielleicht ist das ja schon geschehen, ich habe „nur“ den Namen nicht zuordnen können…..)!

    Gruss, Tomy

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