Domino Days

Wie der geneigte Leser meines letzten Blogs weis, bin ich zur Zeit in Delhi statt in Muscat. Tempel statt Minarett. Turban statt Tschador. Vishnu statt Allah. Curry statt Humus.

Man könnte denken dies sei nicht weiter dramatisch, denn schliesslich hat es an beiden Orten einen Flughafen und geographisch liegen beide Städte etwa in der selben Himmelsrichtung. Zudem sollte ich ja froh sein, nicht in den Oman fliegen zu müssen, da mir letzten Montag eindrücklich vor Augen geführt wurde, was auf dem kurzen Hüpfer von Dubai nach Muscat alles schief laufen kann.

Und überhaupt, bin ich bekanntlich einem feinen Curry nicht abgeneigt…

Leider sieht die Realität ganz anders aus. Um dies zu verstehen muss man wissen, dass ich, wie alle Swiss Crew Members, jeweils im Morgengrauen des 23. eines jeden Monats, gespannt ins Intranet einsteige, um zu erfahren, wohin mich das Planungsroulette im nächsten Monat verfrachtet.

Was mit einer unguten Vorahnung beginnt, mündet dann leider allzu oft in eine heftige Fluchtirade, bevor ich mich mit meinem Schicksal arrangiere. Schliesslich wollen noch unzählige private Termine in die spärliche Freizeit gepackt werden und wenn sich sogar noch Platz für ein paar soziale Kontakte findet, dann ist die Welt schon fast wieder in Ordnung.

Zumindest bis das Telefon klingelt. So wie es Tage gibt, an denen man besser nicht zur Arbeit gegangen wäre, gibt es Anrufe, die man besser nicht entgegen genommen hätte. Mit so einem Anruf wurde ich am späten Montag Abend beglückt:

„Grüezi Herr Skypointer*, Crew Dispo Müller*, wir haben da ein Problem mit dem 146er. Wir müssen Ihnen den Muscat wegnehmen. Wir haben leider keine andere Möglichkeit. Den einzigen Copi, der sonst noch einspringen könnte, erreichen wir nicht.“

146er…LX146?…Bombay??…Schanghai???…Wovon spricht die Dame eigentlich?

 „146, OoooK. Wohin fliegt der LX146 schon wieder?“

 Delhi. Sie kommen Freitag nach Hause. Dadurch gibt es einen Tag mehr frei. Deshalb haben Sie nächste Woche noch etwas Reserve vor ihrem Jokerwunsch.“

Mehr frei tönt gut, aber Moment mal – Freitag zurück? Statt Donnerstag Morgen?!? Aber ich sollte nächsten Freitag doch nach Norditalien fahren. Scheisse!

„Äh, wissen Sie, nächsten Freitag habe ich einen Termin in…“

„Kein Problem, Sie sind ja Freitag Morgen um 6 Uhr 30 zurück.“

„…Italien.“

Oh doch, das ist ein Problem!

Wissen Sie, ich muss am Freitag mit dem Auto nach Norditalien.“

Wie soll ich nach einer Freinacht noch 3 Stunden Auto fahren? Es gibt einen Unterschied zwischen todmüde und lebensmüde…

„Tut mir leid. Wir werden natürlich weiter versuchen Ihren Kollegen zu erreichen. Aber Sie wissen ja… Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Rotation.“

Ganz genau, ich weis. Der Kollege ist offensichtlich intelligenter als ich. Er wird sich weiterhin hüten das Telefon abzunehmen, wenn die Nummer der Crew Dispo im Display erscheint! Verflu#*@%….

Das ganze Ausmass des Schlamassels erkannte ich allerdings erst, als ich am Computer meinen neuen Einsatz kontrollierte. Der Freitag am Freitag ist nun ein Arbeitstag. Die Johannesburg Rotation von Montag bis Donnerstag wurde durch drei Tage Reserve ab Mittwoch ersetzt. Diese Reserve zerstört mir also weitere Freitage. Domino Days, die durch einen kleinen Schubser der Crew Dispo reihenweise flach fallen. Mitsamt allen geplanten Terminen.

Die erste Hälfte, der auf dieses Telefonat folgenden Nacht, versuchte ich mich nicht aufzuregen und die zweite Hälfte verbrachte ich damit mich wieder abzuregen. Am nächsten Morgen musste ich noch die Trümmer meines Privatlebens in Ordnung bringen, meine Termine verschieben und den Koffer umpacken, bevor ich mich auf den Weg nach Indien machte.

Und nun sitze ich in Delhi und spüre beim schreiben dieser Zeilen ein leichtes Magenbrennen. Am Ärger liegt es nicht – der ist mittlerweile etwas verflogen. Aber das Curry war einfach zu gut und liegt mir bleischwer im Magen.

Wieder einmal fasse ich den Vorsatz an meinem Charakter zu arbeiten. So kann ich das nächste Mal vielleicht widerstehen, wenn es am Büffet fünf verschiedene Arten Curry gibt. Oder wenn beim Telefon eine ominöse Nummer im Display erscheint…

 

* Namen der Redaktion bekannt.

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4 Antworten to “Domino Days”

  1. Richi Says:

    „Delhi statt Muscat, Tempel statt Minarett, Turban statt Chador, Vishnu statt Allah, Curry statt Humus“…ausgezeichnete Gegenüberstellungen.

    Einen kleinen Einwand möchte ich entgegenen, denn so viel ich weiss, gehen viele Delhi Besucher nach Agra, wo der Taj Mahal steht. Ständen dort nicht die dem Taj zugehörigen Minarette – wer weiss, ob der Taj so weltwundermässig attraktiv wäre, millionen von Touristen anlockend.

    Wie auch immer; das ihnen ins Haus stehende Planungsroulette in ihrer Firma, jeweils am dreiundzwanzigsten des Monats, dürfte für viel Gesprächsstoff sorgen. Auch unter Kollegen im Cockpit.
    Aber übers Ziel hinausschiessen werdet ihr deswegen wohl nicht. Da bin ich mir ziemlich sicher…-;)

  2. skypointer Says:

    Völlig richtig. Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan erbaut. Der Mogulherrscher war Perserischer Abstammung und Moslem. Überhaupt war der Islam damals die Staatsreligion, während die Hindus unterdrückt wurden.

    Es erstaunt also nicht, dass beim Taj vier Minarette stehen, die auch meines Erachtens für den architektonischen Gesamteindruck unerlässlich sind.

    Die Gefahr, dass wir übers Ziel hinaus schiessen ist zumindest bei mir wirklich klein. Mit einem solchen Umweg würde sich ja mein Feierabend verspäten – das versuche ich natürlich mit allen Mitteln zu verhindern… 😉

  3. G! Says:

    Schön (oder eben nicht) zu sehen, dass es andern auch so geht. Statt JETZT gerade die Airbusnase Richtung Mekka (im wahrsten Sinne des Wortes) zu richten und morgen zu schnorcheln, schiebe ich Stby. Das Magenbrennen ist inzwischen auch vorbei…

    G!

  4. skypointer Says:

    Ah Du bist das! Ich gehört, dass es noch einen Dummen geben soll, der das Telefon beantwortet…

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