One of these days

Es gibt Tage, an denen spürt man, dass einfach alles schief laufen wird. An solchen Tagen würde man besser zu Hause bleiben, aber dann müsste man ja akzeptieren, dass die Zukunft irgendwie vorhersehbar ist. Da dies mit meinem Weltbild völlig unvereinbar ist, sass ich also im Cockpit und bereitete den Flug von Dubai nach Muscat vor.

Was nach dem Flug von Zürich nach Dubai, eigentlich nur ein kleiner Hüpfer in den Wohlverdienten Feierabend sein sollte, würde, das spürte ich in meinem innersten deutlich, nicht ohne Probleme ablaufen. Deshalb nahm ich es mit der Vorbereitung besonders genau. Jede Schalterstellung überprüfte ich zweimal und auch die Startberechnung führte ich mehrmals durch. Als ich mich vergewissert hatte, dass alle Systeme einwandfrei funktionierten, unterdrückte ich mein Bauchgefühl und wir machten uns auf den Weg zur Startbahn 30 links. In meinem Hinterkopf allerdings, beharrte eine Stimme darauf, dass etwas nicht so war wie es sein sollte…

Der Start verlief reibungslos und wir drehten in einer weiten Rechtskurve, am Burj Dubai vorbei, Richtung Osten. Die Aussicht auf das höchste Gebäude der Welt konnten wir allerdings nicht geniessen, denn als wir auf 500 Meter Höhe die Klimaanlagen, die wir beim Start zur Schonung der Triebwerke abgestellt hatten, wieder einschalteten, ertönte eine Warnung. Das Hauptventil einer der beiden Kühlaggregate klemmte. Dies würde uns zwar nicht am Weiterflug hindern, dennoch versuchten wir natürlich das Problem zu beheben.

Unsere Lösungssuche wurde allerdings von der künstlichen Stimme des Kollisionwarnsystems jäh unterbrochen. Mit dem in unzähligen Simulatorübungen gelernten Drill reagierte ich auf die Ausweichempfehlungen des Systems und konnte so die Kollision mit dem entgegenkommenden, unidentifizierten Geisterflieger knapp verhindern. ACAS sein Dank. Schwein gehabt!

Als wir uns vom ersten Schrecken erholt und beschlossen hatten trotz der defekten Klimaanlage weiter Richtung unserer Destination Muscat zu fliegen, ertönte die nächste Warnmeldung. Jetzt hatte offenbar auch noch eine der drei Navigationsplattformen den Geist aufgegeben. Ich wusste, dass dies ein Scheissflug wird!

Obwohl der Flug mit den zwei verbleibenden Plattformen problemlos fortgesetzt werden konnte, mussten wir uns nun Gedanken darüber machen, ob das Flugzeug mit diesem Defekt nach der Landung wieder starten darf. Falls nicht, wäre es wohl besser nach Dubai umzukehren, da dort schneller ein Ersatz für die defekte Plattform zu finden wäre als in Muscat.

Noch während wir in der sogenannten Minimum Equipment List die Antwort auf diese Frage suchten, wurde uns die Entscheidung abgenommen. Der Fluglotse teilte uns scheinbar emotionslos mit, dass soeben eine Bombendrohung für unseren Flug eingetroffen sei und wollte wissen was wir nun zu tun gedenken.

Diese Entscheidung war schnell gefällt. Während ich einen Notfall deklarierte, eine Umkehrkurve Richtung Dubai flog und eine schnellstmögliche Landung in Dubai verlangte, orientierte der Kapitän die Kabinenbesatzung und wies sie an den Service abzubrechen und sich auf eine allfällige Notlandung vorzubereiten.

Kaum war dies geschehen wurden wir von einem heftigen Knall durchgerüttelt. Gleichzeitig bemerkten wir einen Kabinendruckabfall, was mich zwang die Sauerstoffmaske anzuziehen und einen Notfallmässigen Sinkflug einzuleiten. Offensichtlich war die Bombe explodiert und hatte die Flugzeugstruktur beschädigt!

Zum Glück hatte die Explosion die Steuerung nicht beeinträchtigt. Wir meldeten dem Lotsen die veränderte Situation und wurden informiert, dass wir Landepriorität auf der Piste 30 links hätten. Gerade als wir mit den Anflugvorbereitungen beginnen wollten, schrillten wieder die Warnsysteme. Zu allem Überfluss verabschiedeten sich nun die beiden Fahrwerkscomputer und nochmals eine Navigationsplattform. Dadurch war die Steuerung nun doch eingeschränkt und ich würde den Anflug ohne Unterstützung des Autopiloten und nur mit Rohdaten durchführen müssen. Zudem liess sich das Fahrwerk statt hydraulisch nur noch mittels Schwerkraft ausfahren und die Bugradsteuerung am Boden würde ebenfalls nicht mehr funktionieren…

Ein solcher Anflug muss natürlich seriös vorbereitet werden. Dennoch konnten wir nicht allzu viel Zeit für die Vorbereitungen verschwenden, da wir nicht wussten wie stark die Flugzeugstruktur durch die Explosion beschädigt wurde oder welche Systeme als nächstes ausfallen würden. In diesem Spannungsfeld beschränkten wir uns auf das Nötigste und entschieden und für einen Direktanflug.

Voll konzentriert steuerte ich unser angeschlagenes Flugzeug dem Leitstrahl entlang und setzte es so fein ich konnte auf die Landebahn auf. Erleichtert stellte ich fest, dass wenigstens die Bremsen heute den Dienst nicht versagten. Da wir ohne Bugradsteuerung am Boden nicht manövrieren konnten, stoppten wir auf der Piste und warteten auf den Schlepptraktor.

Mein Kapitän wollte diese Zeit nutzen um endlich unsere Passagiere vollständig zu informieren, doch er wurde von unserem Instruktor mit der Mitteilung unterbrochen, dass die Simulatorübung hier zu Ende sei.

Nach zwei weiteren Katastrophenszenarien und einem eingehenden Debriefing wurden wir in den Feierabend entlassen. Viel Zeit zur Erholung hatte ich allerdings nicht, denn ich musste noch meinen Koffer packen. Heute soll’s nach Muscat gehen…

…oder sollte, denn soeben wurde mir eine Einsatzänderung mitgeteilt. Neu heisst das Ziel Delhi. Aber davon ein anderes Mal, denn ich muss jetzt umpacken.

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7 Antworten to “One of these days”

  1. Richi Says:

    Die falsche Fährte, auf die ich gelockt wurde, begann ich dann zu vermuten, als nach dem klemmenden Kühlaggregat-Hauptventil und nach einer Beinahe-Kollision…die Bombenwarnung einsetzte.

    Da war es des guten bzw. schlechten doch etwas zu viel.

    Was ihr Airline Piloten an Katastrophenszenarien im Simulator immer wieder und wiederholt zu bewältigen habt:

    Respekt!

  2. skypointer Says:

    Eine echte Bombe wäre wohl zuerst in Funk und Fehrnsehen gemeldet worden… 😉

  3. Marc 'Zugschlus' Haber Says:

    Ich hab erst nach der Explosion auf „Simulator“ getippt.

  4. alex p. Says:

    Bei mir hat es diesmal auch ca. bis zur Hälfte des Textes gebraucht. Wie oft liest man schon von einer Bombendrohung in einem Flugzeug, das ohnehin schon mit sich selbst kämpft. 😉 Und natürlich hört man als erstes davon in div. Medien.

    Aber mittlerweile werde ich schneller beim Überzuckern, beim Geburtstag bin ich noch voll in die Falle gegangen. 😛

    lg

  5. skypointer Says:

    I’ll keep trying… Never trust my Blog.

    Schon gar nicht, bevor Du am Ende angelangt bist. 🙂

  6. manuel Says:

    herr skypointer, sie haben mich ganz schön hinters licht geführt.

    genau diesen flug (zrh-dxb-mct) bin ich vor einer woche geflogen, da war es doch sehr spannend zu lesen was eventuell auf meinem flug passiert war… spätestens ab der bombendrohung hab ich dann aber mal ans ende des eintrags gelinst… 😛

  7. skypointer Says:

    Willkommen an Bord.
    So etwas macht man aber nicht – das Ende vorweg nehmen. Wie soll ich da glaubhaft eine falsche Fährte legen? 😉

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