Traumjob

Um 16 Uhr ich wälze mich bereits eine Stunde schlaflos im Bett. Eigentlich sollte ich vorschlafen, aber leider gestaltet sich dies wieder einmal schwierig. Es fehlt die Müdigkeit und der Nachbar mit seinem neuen Laubsauger, ist auch nicht gerade hilfreich. Noch zwei Stunden bemühe ich mich vergeblich um Schlaf, dann gebe ich auf. 

Ich gönne mir eine Dusche und anschliessend mein Abendessen. Leider versteht mein Magen nicht warum ich, nach drei Stunden Halbschlaf, jetzt unbedingt essen will. Lustlos stopfe ich eine Hähnchenbrust und etwas Salat in mich hinein. Danach muss noch Koffer und Crewbag gepackt werden und etwa eine Stunde bevor Herr Schweizer normalerweise zu Bett geht, fahre ich an den Flughafen. 

Natürlich ist dies nicht mein wahres Ziel. Nein, heute steht Johannesburg auf dem Programm. Zuerst wollen aber ein Dutzend unnötige Firmenmails gelesen werden und danach geht es zur Flugplanung. Dort treffe ich meine Cockpit Kollegen und gemeinsam kämpfen wir uns durch gut 50 Seiten Wetter und Planungsdaten. Um alles eingehend zu studieren, bräuchte wohl auch ein Schnelleser mehrere Stunden, aber uns bleiben gerade mal 15 Minuten bis zum Cabinbriefing. Deshalb bietet mein Arbeitgeber die Möglichkeit die Planungsdaten vorgängig via Internet zu studieren, was mir aber leider nicht möglich war, da ich, wie erwähnt, mit der Suche nach Schlaf vollauf beschäftigt war… 

Wegen der knappen Zeit für die Planung und der sich nun langsam einstellenden Müdigkeit, bin ich an der Sicherheitskontrolle schon etwas gereizt, was das Sicherheitspersonal aber nicht davon abhält heute wieder einmal besonders genau hinzuschauen. Dafür bin ich vielleicht morgen dankbar, denn schliesslich geht es um meine Sicherheit, aber heute nervt es ganz einfach. 

Auf dem Flugzeug angekommen wird es hektisch. Alle Schalter in die richtige Position bringen geht zwar schnell, aber auch der Navigationsrechner und die zwei EFB Computer müssen noch programmiert werden. Da zu allem Überfluss ein EFB, nachdem ich es gefüttert habe, abstürzt, dauert dies heute Abend besonders lang. Danke Mr. Gates. 

Beim Start führe ich nicht selber das Steuer, sondern ich assistiere. Für mich die Arbeit, für den Kapitän das Vergnügen. Apropos Vergnügen: Als wir um 23 Uhr 10 genau über das Haus meines Nachbarn fliegen, bereitet mir der Gedanke, dass dieser mein Flugzeug beim Einschlafen genauso wenig hilfreich findet, wie ich seinen Laubsauger, diebische Freude… 

Im Steigflug werden wir vom Föhn tüchtig durchgerüttelt und als wir die Alpen hinter uns lassen, wird der Föhn durch Gewitterzellen ersetzt. Von Mailand bis Nordafrika kämpfen wir uns zwischen Radarechos durch. Die Kabinenbesatzung, die den Passagieren das Nachtessen servieren sollte, findet es gar nicht lustig und will wissen wie lange wir noch weiter schütteln. Noch zwei Stunden. Sorry, wir können auch nichts dafür… 

Über Afrika wird es endlich ruhiger. Ausser am Funk. Es quietscht, kreischt, pfeift, knattert und ächzt aus dem Äther. Alles gleichzeitig. Dazwischen versuchen ein paar geplagte Piloten unentwegt Positionsmeldungen nach Niamey, Brazzaville oder Kinshasa abzusetzen. Obwohl kaum Hoffnung besteht, dass die Meldung ankommt, versuche auch ich es immer wieder. 

Langsam aber sicher kommt uns die Britisch Airways zu nahe. Da Brazzaville wieder einmal unerreichbar ist, nehme ich die Koordination selbst in die Hand. Die einzige Lösung scheint, dass wir auf eine für uns weniger effiziente Flughöhe steigen. Leider brauchen wir dafür eine Freigabe des Kontrollers in Brazzaville. Also versuche ich es weiter auf allen Kanälen und nach weiteren 20 Minuten haben ich tatsächlich Erfolg. 

Dies war meine letzte Grosstat und nach knapp 8 Stunden Flugzeit, als zu Hause bereits der neue Tag anbricht, darf ich mich endlich in den Crewbunk zurückziehen. Obwohl es wie immer eng, stickig und laut ist falle ich in einen Dämmerzustand. Das Rauschen der Lüftung und der Lärm der Triebwerke tönen im Kanon fast wie der Laubsauger meines Nachbars. Der Kreis schliesst sich. Während meinem unruhigen Schlaf träume ich vom Traumjob fliegen. 

Auch Alpträume sind Träume…

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5 Antworten to “Traumjob”

  1. Richi Says:

    Das ist eindrücklich beschrieben! Mich nerven laubsaugende Nachbarn auch.
    Der hier beschriebene, erweiterte Laubsauger ging mir unter die Haut!

  2. skypointer Says:

    Natürlich hätte ich, als erweiterte Erweiterung, auch den Kurzwellenfunk mit dem Laubsauger vergleichen können. Der Lärm im Funk ist zwar ebenso nervig, aber im Gegensatz zum Laubsauger wenigstens weniger monoton…

  3. alex Says:

    Toll geschrieben! Sehr erheiternd, einfach treffend erzählt.
    Stell ich mir „spannend“ vor, den Alltag auf der Langstrecke. Es geht ja nichts übers eigene Bett.

    lg

    P.S.: Den mit dem VGA kannte ich auch noch nicht, sensationell! 🙂

  4. skypointer Says:

    Welcome on board alex. Schön wenns gefällt.

  5. Richi Says:

    …wenigstens eine weniger erweiterte Erweiterung-;)

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