Auch der Navigationsrechner ist nur ein Mensch

Früher war die Welt noch in Ordnung. Treibstoff war fast gratis, Flugtickets dafür sauteuer. Piloten arbeiteten wenig, verdienten dafür viel. Kabinenbesatzungen waren – na lassen wir das…

 

Heute ist bekanntlich alles genau umgekehrt. Oder mit den Worten eines amerikanischen Airline Managers ausgedrückt: „Wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliegt, dann hätte er das Fliegen profitabel gemacht.“ Damit wenigstens die Manager in so schweren Zeiten nicht auf ihren Bonus verzichten müssen, lassen wir Piloten nichts unversucht um während des Fluges ein paar Franken einzusparen.

 

So versuchen wir zum Beispiel, um Treibstoff zu sparen, möglichst genau auf der optimalen Reiseflughöhe zu fliegen. Während man früher nach dem Motto je höher, desto besser, so hoch stieg wie es Gewicht und Aerodynamik erlaubte, grenzt die Berechnung der optimalen Flughöhe heute an eine Wissenschaft, denn es werden zusätzlich Wind und Temperatur in die Berechnung einbezogen. Dies geht natürlich nicht ohne Computer, aber dafür haben wir ja zwei Navigationsrechner.

 

Allerdings wollen die beiden Flight Management Computer, im Pilotenjargon FMS, zuerst gefüttert werden. Diese Manager verlangen allerdings statt Boni Daten. Genauer gesagt müssen, damit die Berechnung auch stimmt, an allen Punkten des Flugplans und auf allen in Frage kommenden Flughöhen Richtung und Geschwindigkeit der Höhenwinde, sowie die Temperatur eingegeben werden.

 

Weil der Hersteller der Navigationsrechner offenbar Mitleid mit den armen, überarbeiteten Piloten hatte, gibt es die Möglichkeit dieses Wind- und Temperaturprofil mittels Data Link über Funk und Satellit direkt in den Speicher des Rechners zu laden. Leider ist ein solcher Datentransfer nicht ganz gratis, weshalb eine sparsame Seele, angesichts der schweren Zeiten und nicht etwa Zwecks Optimierung seines Bonus, entschieden hat, dass wir Piloten diese Daten besser gratis von Hand eingeben. So kommt es, dass der Swiss Langstrecken Pilot, während der ersten Flugstunde Winddaten ins FMS „abspitzt“, bis er Blattern an den Fingern hat!

 

Zum Glück bildet sich mit der Zeit an den Fingern Hornhaut und deshalb haben wir, auf unserem Flug nach Los Angeles, die Dateneingabe ohne grössere körperliche Schäden überstanden. Das Ergebnis versetzte uns allerdings ins Staunen:

 

Als wir über Shannon, tausend Fuss über dem optimalen Flight Level 310, wissen wollten wann wir „einen Stock“ höher auf FL340 steigen sollten, empfahl uns das FMS sofort zu steigen, da dies 800 Kilogramm Treibstoff sparen würde. Warum die optimale Flughöhe tiefer ist, wenn man mit sofortigem Steigen Treibstoff spart, blieb uns allerdings ein Rätsel! Die Verwirrung wurde noch grösser als wir den im Flugplan vorgesehenen Punkt zum Steigen programmierten. Nun behauptete unser FMS plötzlich, dass es besser wäre während des ganzen Fluges nie zu steigen.

FL310

Optimum: FL310

sofort steigen

Optimum: sofort steigen

nie steigen

Optimum: nie steigen

Erfolglos versuchten wir herauszufinden, wo der Fehler lag. Wir überprüften mehrmals alle eingegeben Daten, konnten aber keinen Fehler finden. Schliesslich gelangten wir zur Überzeugung, dass unser elektronischer Flugmanager auch nur ein Mensch sei und eine gespaltene Persönlichkeit besitzen müsse.

 

Zudem weis ich nun, weshalb der Navigationsrechner offiziell Flight Management Computer genannt wird, denn wir Piloten hatten schon immer Mühe die Zahlenakrobatik der Manager nachzuvollziehen…

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Eine Antwort to “Auch der Navigationsrechner ist nur ein Mensch”

  1. nff Says:

    🙂 – wunderbar auf den Punkt gebracht.

    … und irgendwann wird ja doch wieder die Erkenntnis siegen, dass die simple Eingabe der Windkomponente über den ganzen Flug ebenso genau ist, wie das Blattern-Procedure, das du beschrieben hast. Steigt der faule Pilot etwa 10-15 Minuten nach dem auf dem OFP empfohlenen Punkt auf die neue Höhe, dann ist er – oh Wunder – dem Optimum sehr nahe. Aber eben, da würde eine ganze Managerkaste ihren Job verlieren, wenn man nur noch auf die Erfahrung der Piloten hören würde.

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