Vom Regen in die Traufe

Eigentlich hatte ich mir nach meinem Ausflug ans Taj Mahal ja geschworen, mich nicht mehr voreilig ins Verkehrschaos zu stürzen. Dennoch befand ich mich schon wenige Tage später wieder mitten in einem Superstau.

 

Diesmal standen zwar keine Kühe auf der Strasse, dafür versperrten unzählige Verkaufsstände die Durchfahrt. Dazwischen zwängten Fahrer ihre überladenen Gefährte unter Ausnutzung jedes freien Millimeters durch das Gewusel. Gestresste Männer fluchten, genervte Frauen keiften und gelangweilte Kinder schrien. Unbeeindruckt von diesem Durcheinander wurden Früchte und Gemüse feilgeboten und als der Verkehrsfluss vollständig zum erliegen kam, wollte mich eine Marktfrau davon überzeugen, dass ich unbedingt und unentgeltlich von ihren unvergleichlichen Produkten probieren sollte.

 

Da mich meine Indienerfahrung gelehrt hat, dass es im Leben nichts gratis gibt und da mir das Chaos arg auf den Appetit geschlagen hatte, lehnte ich dankend ab und zwängte meinen Wagen weiter durch den Verkehrskollaps. Allmählich stellte ich fest, dass irgend eine gute Seele oder eine furchtlose Behörde versuchte Ordnung ins Chaos zu bringen, denn als ich mich umschaute, stellte ich fest, dass die mich einkesselnden Fahrzeuge sich von meinem Leihwagen nur in der Beladung unterschieden, ansonsten aber absolut baugleich waren. Die ganze Normierung verfehlte ihren Zweck allerdings total, denn es wurde schonungslos gedrückt, gezwängt, gedrängelt und gerempelt.

 

Gerade als ich um eine besonders unübersichtliche Ecke bog, kollidierte das Fahrzeug vor mir mit einem mitten in der Durchfahrt abgestellten, völlig überladenen Wagen. Dessen Besitzerin kam wutentbrannt heran gestürmt und zwischen ihr und dem Unfallenker entstand ein wüstes Wortgefecht, welches schon bald drohte in Tätlichkeiten auszuarten.

 

Als Augenzeuge fühlte ich mich verpflichtet die Situation zu entschärfen. Ich wies die Kontrahenten darauf hin, dass ausser einigen Kratzern an den Leihwagen und der verrutschen Ladung kein nennenswerter Schaden entstanden sei und dass sich in Zukunft solche Vorfälle, mit etwas zuvorkommender und vorausschauender Fahrweise, vermeiden liessen. Zudem wäre es schön, wenn die Durchfahrt wieder für den Verkehr freigemacht würde.

 

Mein Schlichtungsversuch war ein voller Erfolg, denn statt weiter aufeinander loszugehen, setzten sich die beiden Streithähne gemeinsam gegen die freche Einmischung eines unbeteiligten zur Wehr. Zum Glück öffnete sich in diesem Augenblick eine kleine Lücke im Stau und ich nutzte die Gelegenheit zur Flucht in eine Seitengasse.

 

Hier änderte die Szenerie schlagartig. Der Verkehr war etwas weniger dicht und statt Lebensmittel wurden diverse Haushaltsartikel angeboten. Dennoch beschloss ich den Ort des Grauens möglichst schnell zu verlassen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn als ich mich bereits kurz vor dem Ziel wähnte, fuhr ich auf den Stau vor der Bezahlstelle auf.

 

Nochmals musste ich zwanzig Minuten zwischen fluchenden Männern, keifenden Frauen und schreienden Kindern ausharren, bevor auch ich meinen Obolus entrichten durfte und auf die obligate Frage „Cumuluskarte? Tierbildli?“ mit dem ebenso standardmässigen „Hab ich nicht. Brauch ich nicht.“ antworten konnte.

 

Nach dem Zurückbringen meines Einkaufswagens fragte ich mich ernsthaft was schlimmer für meine Nerven ist: Zehn Stunden Autofahrt in Indien oder eine Stunde im Einkaufszentrum vor einem verlängerten Wochenende in der Schweiz…

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5 Antworten to “Vom Regen in die Traufe”

  1. Richi Says:

    Ha ha ha ha….ein Vexierbild.
    Hast mich voll erwischt, ich glaubte mich in Indien;
    dabei handelt es sich um ein Schweizer Einkaufszentrum vor verlängertem Wochenende…rette sich wer kann…

  2. skypointer Says:

    grins 🙂

  3. nff Says:

    http://www.coopathome.ch
    Kann man sogar vom iPhone aus bestellen, während man in Stau zum Taj Dingsbums ist.
    Aber eben, Öpfel sind in der offiziellen Fliegerei immer noch ein Fremdwort, was übrigens auch seine guten Seiten hat: Statt blöde Fragen zu beantworten, können die Kandidaten am Checkbriefing amüsiert zuschauen, wie sich der Instruktor bemüht, seinen PC zu starten….

  4. skypointer Says:

    Und über was soll ich dann schreiben? Etwa über politische Werbung auf der Rasierschaumdose?

    …und Öpfel in der Fliegerei? iPlane? Cooles Design und deppensichere Bedienung? Bewahre Gott! Das mit dem Design tönt nach Dreamliner und das mit der todsicheren Bedienung nach längst überwundener Airbus Hybris der späten Achzigerjahre. Beide Flugibauer sind damit gehörig auf die Schnauze gefallen…

  5. nff Says:

    🙂

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