Welt und andere Wunder

Eigentlich wollte ich an meinem freien Tag in Delhi die Behörde besichtigen, in der alle zur Einreise nach Indien notwendigen Formulare bearbeitet, verwaltet und gelagert werden. Da die administrativen Hürden für die Bewilligung eines solchen Besuches aber wohl unerreichbar hoch wären und da ich von meiner Besatzung gefragt wurde, ob ich an einem Besuch eines der Neuen 7 Weltwunder, des Taj Mahal, teilnehmen wolle, warf mich mein Wecker nach nur knapp fünf Stunden Schlaf unsanft aus dem Bett und ich fand mich, bevor ich richtig wach war, in einem Taxi nach Agra wieder.

 

Von der knapp 250 Kilometer langen Fahrt hatte ich schon viel schlechtes gehört und so war ich gespannt ob wir das indische Verkehrschaos heil überstehen würden. Anfänglich kämpften wir uns durch den alltäglichen Stau Delhis. Das war zwar mühsam, durch das Schrittempo aber wenigstens ungefährlich. Die Hauptstadt einmal hinter uns gelassen, stieg das Tempo allerdings beträchtlich und dadurch leider auch das Risiko. Im rasenden Slalom umkurvte unser Fahrer unter permanentem Hupen unzählige Lastwagen und Traktoren, zwängte sich zwischen mit bis zu zehn Fahrgästen beladenen Tuk Tuks durch und schnitt Motorrädern den Weg ab, dass es dem armen Kopiloten auf dem Beifahrersitz den Angstschweiss auf die Stirn trieb.

 

Immer wieder kam es zu Staus, weil langsamere Verkehrsteilnehmer den Weg versperrten. Dass unser Fahrer, als der Stau zu dicht wurde, auf der richtungsgetrennten Strasse einfach wendete und etwa ein Kilometer lang Geisterfahrer spielte, um dann eine ebenso Verstopfte Ausweichroute zu wählen, empfanden wir mittlerweile mehr lustig als bedrohlich. Fahrradrikschas beförderten Passagiere und Esel- und Ochsenkarren transportierten allerlei brauchbares und unbrauchbares. Dazwischen mühten sich schwer beladene Kamel- und Pferdefuhrwerke durch das Gewimmel und Fussgänger und Velofahrer wechselten mit halsbrecherischen Manövern die Strassenseite.

 

Natürlich durften auch Haustiere ihren Teil zum Chaos beitragen. Kühe mitten auf der Strasse können den erfahrenen Indienreisenden zwar nicht mehr erstaunen, wenn so ein heiliges Vieh aber plötzlich hinter einem Busch hervor, direkt vor das in flottem Tempo fahrende Taxi springt und der Fahrer die Kollision nur durch eine Reflexreaktion um wenige Zentimeter verhindern kann, dann ringt auch der abgebrühteste Beifahrer kurz mit der Fassung…

 

 

 

Schon bedeutend lieber waren mir die kleineren Vertreter aus dem Tierreich, die immer wieder am Strassenrand vorbei flitzten. Ziegen, Schafe, Schweine und Hunde waren wegen ihrer Grösse vor allem eine Gefahr für sich selbst, wenn sie sich auf die Strasse verirrten. Ein brauner Streuner, der dies nicht glauben wollte, musste seine Ignoranz mit seinem Leben bezahlen, während unser Fahrer und sein Taxi unbeeindruckt weiter rasten.

 

Nach fünf Stunden zittern und Atem anhalten kamen wir schliesslich in Agra an. Die Ruhe im Park vor dem Weltwunder war Balsam für unsere geschundenen Nerven und wir liessen uns auch von Beschriftungen, die der indischen Logik entsprungen sein müssen, nicht davon abhalten uns von der schlichten Schönheit und der majestätischen Leichtigkeit des Taj Mahal beeindrucken zu lassen.

 

 

 

Nach weiteren vier Stunden Rückfahrt zwischen Hoffen und Bangen, konnten wir, wieder heil in Delhi angekommen, bei einem Bier auf unser Überleben anstossen und Bilanz ziehen: Ein toter Hund, ein Near Miss mit einer Kuh, zugesehen wie ein Motorradfahrer abgeschossen wird (was er mit viel Glück ohne Verletzung überstand), 9 Stunden Autofahrt, 7 Stunden Todesangst und ein neues Weltwunder gesehen. Interessant war es, aber beim nächsten Delhi Zweinächter tue ich mir das nicht mehr an…

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