Wundersame Bürokratie

Es begann etwa vier Stunden vor der Landung in Delhi. Der Kabinenchef betrat das Cockpit, bewaffnet mit zwei Tabletts, auf denen sich nicht etwa Köstlichkeiten aus der Bordküche befanden, sondern zwei Formulare mit dreifach Durchschlag.

 

Für die Einreisebehörde wollten alle Angaben zu Pass, Reiseroute und Reisedaten erfasst werden und für den Zoll mussten wir Passnummer, Bargeld, Wertsachen und elektronische Geräte zu Papier bringen.

 

Ich begann also meine Währungsreserven zu zählen und belegte danach einen Schnellkurs für Mikroschrift, der in der Ausbildung für fliegendes Personal ab sofort zu den Pflichtfächern gehören sollte. Beim anschliessenden Versuch 53 Franken und 75 Rappen, 76.86 Amerikanische, 20 Kanadische und 120 Hong Kong Dollar, sowie 300 Thai Bath, 70 Yuan, einige Real und ein paar Kenia Shilling in ein zwei Quadratzentimeter grosses Kästchen zu quetschen, vergass ich tatsächlich die unter Todesstrafe zur Einfuhr verbotenen 50 Rupien zu deklarieren…

 

Danach machte ich mich ans Auflisten meiner Elektronischen Geräte. Hier mussten Marke, Modell und Seriennummer meiner beiden Fotokameras, meines Laptops und Palmtops, sowie meines Mobiltelefons im kleinen Bruder des Währungskästchens aufgelistet werden.

 

Nachdem auch meine Wertsachen fein säuberlich deklariert waren, freute ich mich diebisch, dass ich als Nichtraucher ins Feld für Tabak und Alkoholika einfach einen Strich machen konnte und da wir bald den Sinkflug einleiten mussten, wollte ich eigentlich mit den Anflugvorbereitungen beginnen, als ich auf der Mittelkonsole ein weiteres Formular entdeckte.

 

“Health Declaration” stand darauf. Ach ja die Schweinegrippe! Auf dem doppelseitigen Formular listete ich in der Folge meine Passnummer, die seit Ausbruch der Pandemie bereisten Länder und all meine nicht existentierenden Krankheitssymptome auf.

 

Von der Schreiberei ziemlich erschöpft riss ich mich nochmals zusammen und steuerte das Flugzeug zwischen einigen Gewitterzellen hindurch auf die Landebahn der indischen Hauptstadt. Nach Erledigung meiner Checklisten freute ich mich bereits auf mein Feierabendbier, als ich mich bei der Einreisekontrolle unvermittelt vor einem riesigen Buch wieder fand. Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass hier nochmals einige Angaben verlangt wurden: Name, Funktion, Passnummer, Reisedaten, etc.

 

Danach war auch ich von der Tatsache überzeugt, dass obwohl die ehemaligen, englischen Kolonialherren zwar die Erfinder der Bürokratie sind, es eindeutig das Verdienst der Inder ist, diese perfektioniert zu haben…

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