Schrecksekunde

In der Instruktion predigen wir unseren jungen Piloten, anlässlich der Streckeneinführung, seit Urzeiten, dass der Flug mit der Landung noch lange nicht zu Ende ist. Vielmehr folgt auf die Wiedervereinigung der Erde mit dem Flugzeug das Rollen an den Standplatz, welches oft genug einem Hindernisparcours gleicht und danach gilt es noch diverse Checklisten und die vereinigte Bürokratie zu befriedigen. Bleibt dann noch Zeit, wird es immer gerne gesehen, wenn der Pilot sich persönlich von seinen Gästen verabschiedet.

 

So begann ich, nach der Landung in Shanghai und der nicht ganz einfachen Navigation an unseren Parkplatz, meine sogenannten „Postflight Duties“ zu erledigen, um das Cockpit möglichst aufgeräumt und für die nachfolgende Besatzung optimal vorbereitet zu verlassen. Nach dem Flug ist schliesslich vor dem Flug und keiner möchte beim Feierabendbier vom Chefpiloten telefonisch gebeten werden nochmals zum Flughafen zu fahren, um die Triebwerke abzuschalten.

 

Nichts ahnend entriegelte ich also, gemäss Checkliste, die absolut schuss-, schall- und todsichere Panzertüre zum Cockpit, als die klar definierten Abläufe plötzlich arg durcheinander geworfen wurden.

 

Drei vermummte Gestalten stürzten ins Cockpit und schnauzten uns unfreundlich an. Das Ganze kam mir ziemlich chinesisch vor und ich verstand kein Wort, aber die Tonlage der drei maskierten Eindringlinge machte trotzdem deutlich, dass Widerspruch nicht geduldet würde und Widerstand schien, angesichts der futuristischen Waffen, mit denen die drei finsteren Kerle herumfuchtelten, ebenso zwecklos zu sein. Waren dies aufständische Uiguren oder militante Tibeter? Was wollten die Kerle von uns?

 

Gerade als ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte und eigentlich erwartete, dass uns in gebrochenem Englisch irgendwelche hirnrissigen Forderungen gestellt würden, richtete der Anführer des Sturmtrupps seine Waffe mitten auf meinen Kopf. Der Angstschweiss tropfte von meiner Stirn. Gefiel dem Terroristen etwa mein Gesichtsausdruck nicht oder wollte er am Kopiloten gleich zu Beginn ein Exempel für seine Entschlossenheit statuieren? War das etwa bloss ein Crewbunk induzierter Alptraum, aus dem ich hoffentlich gleich erwachen würde? Ich sollte es wohl nie erfahren, denn während der Kerl langsam am Auslöser zog, wartete ich darauf von einer Kugel oder dem Aussehen der Waffe nach, von einem Plasma- oder Laserstrahl durchbohrt zu werden…

 

Zu meinem Erstaunen geschah aber nichts dergleichen. Die Strahlenwaffe piepte kurz, der Terrorist hob sie an, kontrollierte irgend eine Anzeige, zuckte mit den Achseln und richtete seinen FASER auf den Kapitän. Dieser blieb zu meinem erstaunen Seelenruhig, während sich das Prozedere zuerst bei ihm und danach beim zweiten Kopiloten wiederholte. Nochmals wurden wir unfreundlich angeschnauzt und dann verliessen die drei Kerle das Cockpit genauso schnell, wie sie eingedrungen waren.

 

Etwas atemlos, aber doch erleichtert noch am Leben zu sein, fragte ich, was zum Geier das Ganze gerade sollte. Der Kapitän meinte grinsend, dass dies die Schweinegrippe bedingte Quarantäne Kontrolle gewesen sei und dass unsere Einreise nach China erst genehmigt würde,  nachdem auch Kabinenbesatzung und Passagiere auf Fieber kontrolliert seien.

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4 Antworten to “Schrecksekunde”

  1. NoelsieW Says:

    Herrlich!

    Das nächste mal musste du ein Holzstäbchen mitnehmen und die Jungs bitten AAAAAAH zu sagen 😀

  2. skypointer Says:

    Dann schieben sie mir als Retorsionsmassnahme wahrscheinlich einen altertümlichen Quecksilber-Fiebermesser in den A… 😉

  3. Richi Says:

    „Ein Crewbunk induzierter Alptraum“ ist gut. Und ich hatte geglaubt, Piloten in ihren Bunks träumten vom Fliegen…

  4. skypointer Says:

    Wenn ich vom Fliegen träume, bezeichne ich dies als Alptraum… Wer will schon, dass er im Schlaf von der Arbeit verfolgt wird. 😉

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