Stauaussichten

Statt LX Forty wurde ich auf LX Forteen eingesetzt und lande prompt im New Yorker Feierabendstau. Wenn wir jeweils im Schritttempo Richtung Manhattan fahren, suche ich nach Mitteln mich wach zu halten, denn sollte mich der Schlaf übermannen, wäre das obligate Feierabendbier mit den Buffalo Wings akut gefährdet.

 

Da ich weder iPhone noch iPod besitze und eher kommunikativ veranlagt bin, kann und will ich mir nicht einfach zwei schicke weisse Ohrstöpsel ins Ohr stöpseln, um mich vom Rest der Welt abzukapseln. Deshalb mache ich mir im Stau einen Spass daraus die in der Blechlawine gefangenen Autos etwas genauer zu betrachten.

 

Eigentlich interessieren mich eher die inneren Werte der Fahrzeuge, denn Ausstattung und Zustand eines fahrbaren Untersatzes sagt auch einiges über die inneren Werte seines Besitzers aus. Als Nichtpsychologe und Pilot darf ich dabei problemlos vorschnelle, übertriebene, tendenziöse, falsche und kurzweilige Schlüsse aus meinen Beobachtungen ziehen.

 

Da ist die Endvierzigerin, die das Armaturenbrett ihres pinkfarbenen Nissan mit zwei Wackeldackeln aufgerüstet hat. Die Dinger haben mich schon in den Siebzigerjahren genervt. Ich mache meine Kollegin hinter mir auf den makellos herausgeputzten Wagen mit den nervigen Hündchen aufmerksam. Sie grinst nur und meint, dass sie mir einen schenke, falls sie bei ihrem Einkaufsbummel einem Vertreter dieser Wackelspezies begegne. Zum Glück sind die Dinger mittlerweile auch in den USA aus der Mode geraten, da ich auf dem Rückflug, angesichts eines mir während sieben Stunden vom Glareshield herunter zunickenden Kunststoffdackels, wohl meine Beherrschung verloren hätte…

 

Bevor ich zur tiefenpsychologischen Analyse der Dackelfrau ansetzen kann, verliere ich sie aus dem Gesichtsfeld. Der Stau wird dichter und bald bewegt sich gar nichts mehr. Neben mir steht ein Chevrolet Metro, in den sich drei Personen gequetscht haben. Auf der Rückbank spielt eine Teeagerin mit ihrem Gameboy, während vorne ihre ältere Schwester das Fahrzeug lenken dürfte, wenn es denn etwas zu lenken gäbe. Daneben sitzt die verdächtig britisch aussehende Grossmutter und studiert einen Strassenatlas. Während mindestens zehn Minuten bewegen wir uns keinen Meter. Dennoch sitzt die Junglenkerin hoch konzentriert, als ob sie einmotorig eine Rohdaten ILS fliegen müsste, mit beiden Händen am Steuer und starr geradeaus gerichtetem Blick da, während ihre Grossmutter den richtigen Weg offenbar immer noch nicht gefunden hat. Nur die kleine Schwester auf dem Rücksitz merkt von der kritischen Lage nichts.

 

Endlich geht es weiter. Wir überholen im Schneckentempo einen BMW, dem das Leben arg mitgespielt hat. Total verbeult, mit rostigen, eiernden Rädern und abstehender Motorhaube quält er sich durch den Stau. Drin sitzt, man glaubt es kaum, Ziggy Marley und hält eine seltsam konisch geformte Zigi zwischen den Fingern.

 

Kurz danach werden wir von einem Pickup Truck überholt und ich staune nicht schlecht, als ich den nächsten bekannten Musiker erkenne. Diesmal ist es Billy Gibbons. Sharp dressed, inklusive Bart, schwarzer Klamotten, Hut und Sonnenbrille. Jetzt kann ich nicht länger widerstehen und stecke mir doch noch zwei Stecker in die Ohren. Passend zum Outfit Billy Gibbons sind die Dinger schwarz. Die Menüführung in meinem Handy ist apfellos unergonomisch. So brauche ich etwas Zeit, bis ich mich erwartungsfroh zu meinem Song durchgeklickt habe und die Lautstärke aufdrehen kann.

 

Was ich höre? Ist wohl klar! ZZ Top. What else? 8)

 

Advertisements

3 Antworten to “Stauaussichten”

  1. Tomy Says:

    Also Geschmack hast du! 😉 Danke für die Momentaufnahme vom Big Apple (auch wenn du keinen hast… ;-))
    Gruss, Tomy

  2. Richi Says:

    Gehe ich recht in der Annahme, dass ein „Stau“ am Himmel „Holding“ genannt wird?

    Jedenfalls: Ihre Stau Aussichten waren gut beschrieben.
    Kommunikativ wie sie sind; sich nicht vom Rest der Welt abkapselnd, …(mit zwei schicken Ohrstöpseln im Ohr)…

    ZZ-Top rocks!

  3. skypointer Says:

    @Tomy
    Wenn ich schon die kleinen Äpfel nicht vermag, wie soll ich mir dann den grossen leisten können? 😆

    @Richi
    Du gehst recht in der Annahme. Nur lässt sich im Holding nicht so gut ins Cockpit der anderen Stauteilnehmer blicken…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: