Synthetische Instruktorenfreuden

Das Leben geht weiter. Die Pflicht ruft. Passagiere wollen befördert werden. Das Geschehene wird verdrängt, denn die Bewältigung dauert länger. Keine Freude mehr an der Fliegerei zu haben, wäre Betrug an meinem Berufsverständnis und wohl auch an dem der vermissten Kameraden. Geniessen wir das Leben solange wir können. Das wäre wohl auch der Rat unserer Kollegen…

 

In meinem Fall stand in den letzten zwei Tagen eine Weiterbildung zum SFI A330 an. Natürlich war AF 447 auch da ein Thema, aber mangels Fakten und wegen der Sinnlosigkeit irgendwelcher Spekulationen konzentrierte man sich schnell auf die Kursinhalte.

 

Früher kriegte man, nach einer Umschulung auf ein anderes Flugzeug, einen Klaps auf die Schulter und schon war man Instruktor auf dem neuen Typ. Heute geht das nicht mehr, denn man braucht dafür eine Zusatzausbildung und so kam ich in den Genuss eines solchen „Flottenwechsel Kurses“.

 

SFI bedeutet übrigens Synthetic Flight Instructor – Synthetischer Fluglehrer. Also kein echter, sondern ein künstlicher. Ich darf deshalb auch nur auf einem künstlichen Flugzeug ausbilden und ein solches nennt man landläufig Simulator. Man könnte einen SFI also auch Simulator Fluglehrer nennen, aber das wäre für Angelsachsen wohl zu profan.

 

Mit dem Syllabus meines Kurses möchte ich an dieser Stelle niemanden langweilen, aber als Highlight durften wir, am zweiten Tag, die Bedienung des Simulators mit einem selbst geschriebenen Programm üben. Dabei sassen jeweils zwei Kollegen auf dem falschen Sitz (Kopiloten links und Kapitäne rechts) und das Motto lautete: „Der hinten kann eingeben was er will, die vorne können es fliegen…“

 

Natürlich liess ich mir für mein Programm etwas besonderes einfallen. Nach einem Triebwerkausfall im dümmsten Moment beim Start, ertönte auf 200 Meter Grund eine Gelände-Kollisionswarnung. Für den fliegenden Kollegen eine unangenehme Situation, sollte er doch mit maximalem Winkel steigen, darf dabei aber keinesfalls eine gewisse Mindestgeschwindigkeit unterschreiten, da sonst das Flugzeug unsteuerbar wird.

 

Als die Situation bereinigt war, verschob ich das Flugzeug kurzerhand auf eine Position 40 Meilen südwestlich von Thule. Thule ist in diesem Zusammenhang kein Trägersystem für Fahrzeugdächer, sondern die US Air Base in Avanersuaq, im nordwestlichsten Zipfel Grönlands. Das lustige für den fiesen Instruktor und das schwierige für den armen Beübten ist dabei, dass in dieser Gegend der Welt die Variation 55 Grad beträgt. Das heisst, der Kompass zeigt 55 Grad daneben und folglich wird die Navigation zur echten Herausforderung. Die Piste steht auf dem Navigationsblidschirm beinahe quer zur Anflugrichtung und der Navigationsrechner versagt total. Fliegen nach Rohdaten ist gefragt – zurück zu den Wurzeln unter erschwerten Bedingungen. Nach dem einmotorigen Instrumentenanflug mit den ungewohnten Anzeigen musste, wegen starken Winden, ein Circling nach Sicht geflogen werden und damit die Übung einen letzten Höhepunkt hatte, brach nach der Landung noch das Fahrwerk ein.

 

Natürlich meisterten meine Kollegen diese Herausforderungen mit Bravour und so war ich an der Reihe als Beübter die süsse Rache meiner Kollegen zu spüren. Zu meiner Überraschung geschah nach dem Start zuerst einmal gar nichts, bevor uns im Steigflug diverse Flugzeuge den Luftraum streitig machten. Dies führte zu diversen Kollisionswarnungen und damit verbundenen Ausweichmanövern. Danach verloren wir eine Geschwindigkeitsanzeige, während eine andere falsche Daten lieferte. Eine genaue Analyse der Situation liess uns zwar die korrekten Anzeigen wieder herstellen, kurz darauf versagte aber ein Triebwerk, gefolgt von all unseren Bildschirmanzeigen, so dass wir schliesslich einmotorig, mit eingeschränkter Steuerung und nur marginalen Notanzeigen den Weg Richtung Landepiste suchen mussten – zurück zu den Wurzeln unter erschwerten Bedingungen. Schliesslich haben wir aber die Piste gefunden und das Fahrwerk hielt sogar meiner Landung stand.

 

Eine Übung, aus der man keine Lehren zieht, ist wertlos. Heute habe ich aber folgendes gelernt:

  • Die Bedienung des A330 Simulator ist problemlos.      
  • Beim Steuern mit der linken Hand kämpfte ich mit der Feinmotorik und deshalb  werde ich als Cruise Enlarger in Notfällen den Kollegen rechts fliegen lassen.
  • Vom linken Sitz aus suche ich die Informationen stets am falschen Ort und nehme oft die falschen Knöpfe in die Hand.
  • Auf dem linken Sitz bin ich nur halb so intelligent.
  • Es ist ein gutes Gefühl Kapitänskoryphäen rechts von mir sitzen zu sehen.
  • Kollegen unter Stress setzen macht Spass.
  • Auch Instruktoren sind Kindsköpfe. 😉 

Und last but not least:  Das Leben geht weiter.

Advertisements

2 Antworten to “Synthetische Instruktorenfreuden”

  1. Richi Says:

    Sie haben recht, finde ich – Das Leben geht weiter.
    Da Sie jetzt ein Synthetic Flight Instructor sind, ist mir eingefallen, dass Aer Lingus, die Irische Fluggesellschaft, ihre Flieger St.Patrick getauft hat, St.Mella, usw.
    Dementsprechend soll der Simulator beschriftet sein. Er heisst St.Thetic.

    Was passiert eigentlich mit dem Navigationsrechner wenn man den Nordpol überfliegt? Das Äquivalent einer psychedelischen Erfahrung?

  2. skypointer Says:

    Offiziell sollte das überfliegen des Nordpols für moderne Navigationsrechner keine Probleme bereiten – aber offiziell sollte ja auch der Anflug in Thule problemlos sein…

    Deshalb gilt wohl auch über dem Nordpol: expect the unexpected!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: