SWAP

Dass man in New York besser nicht Auto fährt weiss jeder, der schon einmal dort war. Die Fahrt vom Flughafen Kennedy nach Manhattan dauert gewöhnlich etwa eine Stunde und muss, wegen den zahlreichen Staus, über weite Strecken im Schritttempo absolviert werden. Dasselbe gilt natürlich auch für die Rückfahrt und so waren wir gestern, zu Beginn unserer Rückreise, angenehm überrascht als wir, dank neuen Um- und Schleichwegen unseres Fahrers, schon nach 45 Minuten den Flughafen erreichten. Unsere Euphorie wurde allerdings ein erstes Mal gedämpft, als wir, bei der Flugplanung, von unserem Dispatcher hörten, dass sich eine Gewitterfront von Westen nähere und dass deshalb mit etwa einer Stunde Rollzeit zu rechnen sei.

 

Auf dem Flugzeug angekommen versuchten wir deshalb alle Prozesse zu Beschleunigen und dank guter Arbeit des Stationspersonals und dem unerklärlichen Fehlen des sonst üblichen, fehlenden Passagiers, konnten wir tatsächlich eine Viertelstunde zu früh zurückstossen. Der Bodenlotse schickte uns, um uns in die Warteschlange einzufädeln, wie gewohnt auf Umwegen Richtung Startpiste, als ich hörte wie eine A320 von Jet Blue, mit der Anweisung dort die Triebwerke auszuschalten, in ein Warteraum geschickt wurde. Mit leichter Schadenfreude bemerkte ich: „Lieber die als wir!“

 

Kurz darauf meldete der Kontroller: „All stations, ATIS Tango is now current“ und beim darauf folgenden Notieren der neuen Wetterdaten hörte ich, dass SWAP in Kraft gesetzt sei. SWAP ist nicht etwa eine neuartige Tauschbörse, sondern heisst Severe Weather Avoidance Plan und bedeutet, dass irgendwo im Umfeld des Flugplatzes ein Gewitter entdeckt wurde und dass nun der ganze Flugverkehr um dieses Gewitter herumgeführt wird, was im eh schon heillos überlasteten New Yorker Luftraum natürlich zu groben Verspätungen führt – oder um es in der Roulette Sprache zu sagen: „rien ne va plus!“

 

Beim Auffahren auf die Warteschlange, bemerkte ich zu meinem Schrecken, dass vor uns drei Jet Blue Airbusse standen und auf meine bange Anfrage wurde uns bestätigt, dass dies diejenigen mit den abgeschalteten Triebwerken seien und wir wurden angewiesen unsere Motoren ebenfalls auszuschalten. Nach 25 Minuten standen wir deshalb ohne Antrieb und eingeklemmt zwischen ziemlich viel Aluminium, mitten auf einer Rollbahn und warteten auf bessere Zeiten. Diese kamen nach weiteren 30 Minuten Daumen drehen, als wir schliesslich unsere beiden Rolls Royce wieder starten durften und so konnten wir nach insgesamt 75 Minuten Roll- beziehungsweise Wartezeit endlich die arg verspätete Heimreise antreten.

 

Während der ersten drei Stunden haderten wir deshalb etwas mit unserem Schicksal. Als wir aber kurz nach Gander in Neufundland hörten wir, wie unsere Kollegen auf dem Heimweg von Chicago, wegen eines medizinischen Notfalls an Bord, eine Clearance zur Zwischenlandung in Halifax verlangten, waren wir froh, dass Mr. Murphy, entgegen unserer Vermutung, offenbar trotzdem nicht bei uns im Flugzeug sass und dass wir mit 20 Minuten Ankunftsverspätung noch glimpflich davon gekommen waren…

 

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5 Antworten to “SWAP”

  1. Richi Says:

    Liest sich gut wie immer.
    Wenn ich euch bloggende Piloten hier so lese, stellt sich die Frage: Existieren überhaupt Piloten ohne Witz, Schlagfertigkeit und beissenden Humor?
    Oder gehört das zur Grundausstattung?

  2. skypointer Says:

    Ein längst in Rente gegangener Kapitän hat mir, als ich noch ein blutjunger Kopilot war, folgenden Ratschlag auf meinen Karriereweg mitgegeben:

    1. Sicher muss es sein
    2. Spass muss es machen
    3. Wenn dann die Kabine und die Passagiere noch zufireden sind, kannst Du nichts mehr verbessern…

    Er hatte absolut recht und die ersten beiden Punkte sind nach meiner Erfahrung Grundvoraussetztung für das Erreichen des drittten.

    Humor ist zwar meines Wissens kein Selektionskriterium, aber eine der besten Überlebensstrategieen im hektischen und störungsanfälligen Umfeld der Fliegerei. Deshalb sind humorlose Zeitgenossen im Cockpit zum Glück sehr selten…

  3. nff Says:

    … zum Glück!

  4. joe Says:

    Beim Stichwort Rolly Royce kommt bei mir die Frage auf : Ist der 330-300 schon da? CFM ist nicht un die -223 laufen doch auf PW?

    Und an alle Swiss-Blogger im allgemeinen: Merci vielmohl für eure wunderbare Schreibe. Tut immer wieder gut! (Wobei ich Herrn Skypointer selbstverständlich ganz im besonderen hervorheben möchte ;)).

  5. skypointer Says:

    @joe

    Die erste A330-300 steht seit bald einem Monat im Streckeneinsatz. Den Bericht über den Erstflug findest Du unter http://skypointer.swissblog.ch/2009/04/21/jungfernflug/

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