Superposition

Ich habe bekanntlich zur Zeit Bereitschaftsdienst und bin deshalb in der super Position die mir geschenkte Wartezeit zum Lesen nutzen zu können. So beschäftige ich mich mal wieder mit der modernen Physik. Diesmal mit der Quantenphysik im Allgemeinen und mit deren Vereinigung mit der allgemeinen Relativitätstheorie im Speziellen. Natürlich ist das nicht die einfachste Materie und wie immer, wenn ich zu gescheite Bücher lese, komme ich, wenn ich meine Gedanken schweifen lasse, auf dumme Ideen.

 

In der Quantenphysik, das merkt man schnell, wenn man sich mit deren Konzepten beschäftigt, kommt man mit der gewohnten Logik nicht weit. Eindeutiges existiert nicht, sondern alles befindet sich in einer Superposition, einer Überlagerung aller möglichen Zustände. Erst ein externer Beobachter zwingt ein System sich, mit einer mathematisch berechenbaren Wahrscheinlichkeit, für einen der möglichen Zustände zu entscheiden. Das muss man nicht verstehen und es existiert auch kein noch so gescheiter Physiker, der das so richtig begreift, sondern es reicht, wenn man das Ganze berechnen kann.

 

Trotzdem veranlasst mich der Zustand der Superposition immer wieder zu Gedankenspielen. So kann, nach der Ankunft in Bombay, der Verzehr eines Curry für meinen Magen entweder gut verträglich sein oder zu einer Lebensmittelvergiftung führen. Dementsprechend werde ich am Tag darauf entweder fröhlich am Pool mit den Flight Attendants schäkern oder aber im Zimmer kotzend über der Kloschüssel hängen. Sowohl meine Erfahrung, als auch meine Logik sagen mir, dass beide Zustände mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreffen können. Die Quantenphysik sieht das allerdings, solange mich niemand beobachtet, anders, denn sie verlangt, dass ich, in einer Überlagerung der beiden Zustände, im Zimmer kotzend über die Kloschüssel gebeugt fröhlich am Pool sitzend mit den Flight Attendants schäkere! Das ist zwar physikalisch korrekt, aber trotzdem völlig absurd und lässt, damit ich keine gespaltene Persönlichkeit entwickeln muss, nur den Schluss zu, dass ich ständig beobachtet werde. Big Brother is watching me – Paranoia statt Schizophrenie!

 

Etwas anders sieht es beim Bereitschaftsdienst aus. Da ich während meiner Reserve Duty oft alleine und unbeobachtet zu Hause sitze, sollten sich auch Quanteneffekte manifestieren. Physikalisch gesehen befinde ich mich also zur Zeit gerade in einer Überlagerung von auf einen Einsatz warten, in Sao Paulo aufstehen, in Johannesburg Sport treiben, in New York shoppen, in Bombay Curry essen und jeder anderen möglichen Tätigkeit an allen denkbaren Destinationen.

 

Wiederum völliger Quatsch? Erstaunlicherweise nicht, bin ich doch zur Zeit zu Hause und warte auf eine Einsatz, während meine innere Uhr mir sagt, dass ich eben erst in Sao Paulo hätte aufstehen sollen und meine Rückenmuskulatur noch immer von der ramponierten Rudermaschine in Johannesburg schmerzt. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Liste mit allen möglichen und unmöglichen Einkaufswünschen meiner Verwandten und Bekannten für meinen nächsten USA Flug und heute Abend werde ich mir wohl, sofern ich nicht noch zum Flugdienst aufgeboten werde, das Curry einverleiben, das ich von meinem letzten Bombay Trip mitgebracht habe – hoffentlich ohne darauf folgende Magenbeschwerden.

 

 Es ist wohl doch etwas dran an der Quantenphysik…

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2 Antworten to “Superposition”

  1. Flo Says:

    Jaja, die Quantenphysik selbst ist auch so ein wenig zwiespältig…
    Ob Masse, ob Wellen, ob beides, ob überhaupt etwas, das ist hier wohl eher die Frage!
    Andererseits ist die Quantenphysik aber auch schön, denn Physiklehrer hier in Deutschland (zumindest meiner hat das so gemacht) bieten folgenden Einstieg ins Thema: „Vergesst alles, was ihr jemals in Physik bis jetzt gelernt habt, absolut alles, denn es war falsch!“
    Diese ursprüngliche Zuversicht schlägt dann aber schnell in Verwirrung und Hass (auf Planck und Spießgesellen) um… Viel Erfolg, dich noch weiterhin vor der Crew-Dispo verstecken zu können! Wie lange dauert eine Standby-Phase bei Swiss eigentlich?

  2. skypointer Says:

    Das Verstecken hat nichts gebracht – ich flieg heute noch nach Tel Aviv…

    Der Standby Spuk dauert bei uns 33 Tage. Bei mir ist das Anfang Mai – danach kann das Sozialleben wieder beginnen.

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