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Anprobe

31. März 2009

Obwohl bereits vor etwa einem Jahr angekündigt, hat die neue Swiss Uniform bisher auf sich warten lassen. Kürzlich erhielt ich nun aber die freundliche Einladung zur Anprobe meiner zukünftigen Arbeitskleidung. Ein nicht Uniformierter kann sich nur schwer vorstellen, was für ein emotionaler Moment die erste Begegnung mit dem neuen Stoff, aus dem die Arbeit besteht, für einen Uniformträger darstellt. Im Durchschnitt habe ich meine bisherigen Uniformen etwas mehr als sieben Jahre getragen. Sieben Jahre durch Dick und Dünn, in guten wie in schlechten Zeiten; sieben Jahre, zwar nicht in Tibet, dafür aber sonst praktisch auf der ganzen Welt. Dabei wird aus dem profanen Stoff so etwas wie eine zweite Haut, die man entweder lieben oder hassen kann, aus der man aber nie für längere Zeit entkommt.

 

So kam es, dass ich mich letzte Nacht erwartungsfroh hin und her wälzte und ob dem bevorstehenden grossen Ereignis partout keinen Schlaf finden konnte. Ich erinnerte mich an meine ehemaligen Einheitskleidungen und an die mit ihnen verbundenen verschwundenen Vor- und beinahe vergessenen Nachteile. Zugegeben, in meinen Erinnerungen überwiegten die Nachteile bei Weitem. So war meine Kopfbedeckung in all den Jahren so hässlich, dass ich mich höchstens traute sie unter dem Arm zu tragen und die Streifen an meinem Kittel waren in typisch schweizerischem Understatement zu Swissair Zeiten die kürzesten und danach wohl die schmalsten in der gesamten Aviatikgeschichte – da hatten selbst die Lufthansa Stewards, die kürzlich bei uns aushalfen, breitere gehabt! Die „Wings“ auf der Brust, der Stolz eines jeden Piloten, erlangten bei meiner ersten Uniform in Fachkreisen, unter der Bezeichnung Mistgabel, traurige Berühmtheit und konnten, während Kollegen aus anderen Airlines Flügel tragen, auf die selbst Adler mit Neid erfüllen, bei meiner folgenden Uniform bestenfalls als grobschlächtig bezeichnet werden.

 

In freudiger Erwartung zählte ich darauf, dass die lange Wartezeit dafür genutzt wurde, all diese uniformtechnischen Fehler zu korrigieren und stellte mich bereits auf eine goldene Uniform mit blauen Streifen und Flügeln eines Andenkondors auf der Brust ein. Der Hut sollte dem eines russischen Generals gleichen – einfach etwas mehr bekränzt! Um so grösser war dann meinen Schock, als ich heute bei der Anprobe feststellen musste, dass die neue Uniform grau ist. Nochmals zum Mitschreiben: Grau nicht blau und schon gar nicht goldig! Was soll den das, grau ist doch nicht mal eine Farbe!

 

Schlagartig wurde mir bewusst, dass mit der neuen Uniform ein Zeichen gesetzt werden soll. Was meine Salärabrechnung am Monatsende schon längst schonungslos aufzeigt, soll nun auch durch die neue Uniform zum Ausdruck gebracht werden: Wir spielen in der zweiten Liga! Ein Beweis gefällig? Es ist ganz und gar undenkbar, dass auf eine graue Uniform goldene Gradabzeichen genäht werden. Deshalb werden die Streifen an unserem Kittel in Zukunft wohl silbern ausfallen und Silber bedeutet, wie jedes Kind weis, nur den zweiten Platz. Darüber können auch die unvermeidlichen Rechtfertigungen es handle sich statt um Silber um edles Platin nicht hinweg täuschen…

 

Desillusioniert ob der harten Begegnung mit der bitteren Realität und zutiefst in meinem Stolz verletzt brachte ich den Rest der Anprobe hinter mich und machte mich anschliessend in leicht depressiver Stimmung auf den Heimweg. Erst als ich mich zu Hause in meinen eigenen Blog einloggte, wurden meine düsteren Gedanken aufgehellt, denn ich stellte fest, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können: Man stelle sich vor das Management hätte den Wert unserer Uniformen als Werbeträger erkannt. Dann würden wir wohl, mit Google Anzeigen bestückt, in Zukunft Billigflüge der Konkurrenz anpreisen oder müssten, noch schlimmer, für irgendwelche dubiosen Partnervermittlungen gut Mine, respektive gute Figur zum bösen Spiel machen. Aber freuen wir uns nicht zu früh – die nächste Uniform kommt in etwa sieben Jahren. Brace for impact

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