Von der Sintflut in den Libanon geschwemmt

Kaum war der Weinkeller wieder eingeräumt und die Klimaanlage wieder angeworfen musste ich mich auf den Weg zum Flughafen machen, um meinen Flug nach Sao Paulo anzutreten. Nach dem Start war ich als erster an der Reihe den Crewbunk aufzusuchen und dank der körperlichen Arbeit der letzten Tage hatte ich keine Mühe einzuschlafen. Als ich nach ein paar Stunden geweckt wurde konnte ich deshalb meinen Flugdienst erstaunlich ausgeruht in Angriff nehmen.

 

Vorbei an den Kapverdischen Inseln erreichten wir über Fortalezza Brasilien und dann ging es via Belo Horizonte nach Sao Paulo Guarulhos. Der Flug verlief erstaunlich ruhig und als uns kurz vor der Landung via Telex die Nachricht erreichte, dass Christoph Blocher definitiv nicht als Bundesrat gewählt wurde, war uns auch klar warum der Himmel über Sao Paulo so strahlte und ich konnte mich beruhigt und unter optimalen Voraussetzungen um meine Aussöhnung mit dem Centergear kümmern.

 

Trotz der anstrengenden Busfahrt zu unserem Hotel im Stadtzentrum raffte sich ein Großteil der Besatzung auf im „scharfe Egge“ noch einen Schlummertrunk zu sich zu nehmen. Auch ich konnte nicht widerstehen und gönnte mir ein Filetto Aperitivo und ein Limettensäftli, bevor ich die verpasste Nacht nachholte. Pünktlich um 1800 traf sich die Crew dann erneut im „scharfe Egge“ um bei einem weiteren Limettensaft zu erörtern in welcher Churrasceria an diesem Abend die Fleischvernichtungsorgie abgehalten werden sollte.

 

Bei dieser Gelegenheit fragte unser Kapitän: „Habt ihr gehört, Ueli Maurer ist zum Bundesrat gewählt worden!“ Kaum hatte er diese Worte über seine Lippen gebracht brauten sich dunkle Wolken am Himmel zusammen, dumpfe Donner grollten und die ersten zornigen Blitze durchzuckten die einsetzende Dämmerung. Kurz darauf fiel  wolkenbruchartiger Regen vom Himmel und wir waren heilfroh, dass wir im „scharfe Egge“ ein Zeltdach über dem Kopf hatten, da sonst unsere Limettensäfte allzusehr verdünnt worden wären. Auch während sich die Strasse neben uns allmählich in einen Wildbach verwandelte, an dem ein Kajakfahrer zwar seine helle Freude gehabt hätte, den die Automobilisten aber weniger zu schätzen wussten, hielten wir noch trotzig unsere Stellung. Als das schützende Zeltdach aber, von den Wassermassen überwältigt, langsam undicht wurde, fanden die ersten Kolleginnen, dass nicht nur Ueli Maurers Wahl in den Bundesrat ungemütlich sei und als danach das Trottoir, auf dem sich unsere Tische befanden, langsam in den Wassermassen versank ergriffen die weniger standhaften die Flucht in höher liegende Gefilde, während der harte Kern die Schuhe auszog und sich Barfuss an die nun doch langsam verwässerten Caipis klammerte.

 

Nasse Flüsse sind bei knapp 30°C eigentlich nichts schlimmes, als ich aber bemerkte, dass die Wassermassen, statt in der Kanalisation zu verschwinden, in mittelgrossen Fontänen aus eben dieser herausschossen, entschlossen sich auch die tapfersten in der Crew den heroischen Widerstand gegen die wütenden Elemente aufzugeben. Eine kurze Umfrage ergab, dass obwohl alle vom Abnützungskampf gegen die Natur hungrig waren, niemand Lust hatte in die nächste Churrasceria zu schwimmen und so einigten wir uns darauf, statt der Fleischeslust zu frönen, beim Libanesen nebenan ein typisch brasilianisches Mezze zu verzehren.

 

Als wir wenig später gemütlich und im trockenen Hummus, Tabbouleh und weitere libanesische Spezialitäten verspeisten, meinte mein Kopiloten-Kollege, dass er erst jetzt, nach zehn Jahren Langstrecke, herausgefunden habe, dass man in Brasilien auch etwas anderes als Fleisch essen könne und ich fragte mich, warum das Schicksal mir schon auf meiner zweiten Brasilienrotation die gleiche traumatische Erfahrung zumutete. Um nicht noch die halbe Nacht mit dem Schicksal zu hadern und um nicht von Alpträumen mit Ueli dem Verteidigungsminister geplagt zu werden entschloss ich mich auf dem Heimweg, im mittlerweile wieder abgetrockneten „scharfe Egge“, noch ein Limettensäftli zu trinken…

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2 Antworten to “Von der Sintflut in den Libanon geschwemmt”

  1. Urs Says:

    Hallo skypoint(en)er!

    Erstmals ein riesen Kompliment für die vielen erheiternden und überaus unterhaltsamen Einträge! Bin gerade daran den Blog von der Geburtsstunde her nachzulesen. (Deshalb auch der Eintrag hier, obwohl dieser schon fast ein Jahr alt ist…)

    Vorallem dieser Eintrag hier habe ich mit besonderem Genuss gelesen. Ich hatte als FA bei der Swissair auch mal das Vergnügen 2x eine GRU Rotation mitzumachen, bevor das Grounding mit voller Wucht zuschlug und mir nach nur etwas mehr als einem halben Jahr die Flügel wieder stutzte.
    Nichts desto trotz konnte ich mich noch sehr gut an den „scharfen Egge“ erinnern. 🙂 Danke für dieses kleine „Souvenir“! In diesem Sinne always happy landings und ich werde dabei bleiben…

    Grüsse aus „Sun Calais“ (St. Gallen)
    Urs

  2. skypointer Says:

    Hallo Urs
    Welcome on board. Schade, dass Deine Flügel beim Grounding gestutzt wurden. Aber Swiss sucht ja wieder Cabincrews. Falls Du also zu viel Fernweh hast… 😉

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