Verrechnet

Wenn man sich verrechnet, dann gibt es meist Probleme. Der Schüler wird mit schlechten Noten eingedeckt und die Banken mit Milliarden. Andere wiederum suchen, weil sie in Guantanamo nicht mehr willkommen sind, in der Schweiz Asyl und haben sich mit diesem Plan ebenfalls verrechnet, obwohl der auf dem kubanischen Stützpunkt wohl bald reichlich zur Verfügung stehende Platz dem kreativen Denker eigentlich noch mehr solchen für unorthodoxe Lösungen bieten sollte. So könnte man doch verlangen, dass dort im Vorgarten von Freund Fidel, im Austausch für ein paar offenbar doch nicht ganz so gefährliche beinah Terroristen, eine geschlossene Anstalt für durch Bonusrückzahlungen verarmte oder sich vor Bonusrückzahlungen drückende aktive und ehemalige Spitzenbanker eingerichtet wird. Diese könnten dann die modischen, orangen Overalls überstreifen und sich von den amerikanischen Steuerbehörden mit den neuesten Verhörmethoden zu natürlich nie getätigter Beihilfe zur Steuerflucht befragen lassen. Viel Sonne, freie Kost und Logie, gratis Kleidung und gegen die Langeweile die Modesportart Waterboarding. Die privaten Fernsehsender könnten mit der neuen Reality Soap „Das Banker Camp – ich bin Ospel, holt mich hier raus!“ nie da gewesene Erfolge feiern und unser heiss geliebtes, von uns Gebührenzahlern subventioniertes Staatsfernsehen würde mit der zwei Jahre später folgenden, abgekupferten Eigenproduktion wieder einmal total floppen.

 

Aber verrechnen kann man sich auch einfacher. Man versuche mal, statt sich mit finanzierten Gaunern und gaunerischen Finanziers zu beschäftigen, mit einigen Bierchen intus, Kopfrechenaufgaben zu lösen. Nichts schwieriges, bloss paar einfache Additionen, Divisionen und Multiplikationen. Was sich nach einer neuen Methode anhört dem leicht angeschwipsten Autofahrer, ohne ihn ins berühmt berüchtigte Röhrchen blasen zu lassen, das Fahren im angetrunkenen Zustand nachzuweisen, ist statt dessen Alltag im Leben eines Copiloten. Natürlich nicht während der fliegerischen Arbeit, sondern während dem wohlverdienten Nightstop. Wenn sich der harte Kern der übernächtigten Besatzung zusammen aufrafft, vor dem endgültigen Kollaps ins weiche Bett, noch einen kleinen Happen zu essen und sich, zwecks Nierenspülung, einen Schlummertrunk zu genehmigen, dann ist das Servierpersonal meist nicht in der Lage die Rechnung auf die einzelnen Crewmembers aufzuteilen. Um nicht als Zechpreller ebenfalls eine gratis Reise ins sonnige Kuba geschenkt zu erhalten, empfiehlt es sich, vor allem in den USA, die Rechnung trotzdem zu begleichen. Die Kabinenbesatzung schaut dann jeweils treuherzig hilflos in Richtung Cockpitbesatzung und der Kapitän meint väterlich er sei schliesslich auch einmal Copilot gewesen, so dass dem bemitleidenswerten ersten Offizier nichts anderes übrig bleibt, als die sich bereits im alkoholisch verstärkten Dämmerschlaf befindlichen Hirnzellen nochmals zu reaktivieren und zu versuchen sich möglichst elegant aus der Affäre zu ziehen. Die einfache Lösung, die Endsumme durch die Anzahl der Konsumierenden zu teilen, scheitert jeweils am Veto eines einzelnen, so dass die Rechnung ad absurdum seziert werden muss, um jeden mit seiner persönlichen Einzelschuld zu konfrontieren. Wer sich von dieser Rechnerei oder vom vernichteten Bier nicht schon vorher schwindlig fühlt, der kapituliert spätestens, wenn auf die Einzelbeträge, wie in den USA üblich, noch 7.63254876% Mehrwertsteuer und 15% Trinkgeld dazu geschlagen werden müssen. Das alles spielt sich natürlich unter mit Argusaugen wachenden Kolleginnen und Kollegen ab, von denen keiner etwas sagt, wenn sich der Copi zu ihren Gunsten verrechnet, die aber Zeter und Mordio schreien, wenn sie einen Cent, Penny oder Centavo zu viel berappen sollen.

 

Man kann sich also meine Erleichterung vorstellen, als sich gestern im Hooters in Miami unser mitfliegender Sicherheitsbeamter aufdrängte, die Rechnerei zu übernehmen. Natürlich ahnte ich nicht, dass es einem Ungeübten, vom Bier Beeinträchtigten und in diesem Fall auch noch von den grossbusigen Servierdamen Abgelenkten, völlig unmöglich war in vernünftiger Frist zu einem für alle akzeptablen Ergebnis zu kommen. Was anfänglich sehr ruhig und strukturiert begann, wurde allmählich immer lauter und turbulenter und drohte schliesslich in einen veritablen Tumult auszuarten. Mein gut gemeintes Angebot die verworrene Berechnung selbst zu übernehmen, wurde vom stolzen Polizisten dabei mehrfach ausgeschlagen und so sah ich mich, um nicht – diesmal wegen Rauferei in der Öffentlichkeit – ins nahe Kuba verfrachtet zu werden, nach etwa 20 Minuten gezwungen, die Rechnung quer über den Tisch blickend und die laute Diskussion um mich herum so gut wie möglich ausblendend, im Eiltempo durchzuführen und die geschuldeten Beträge den Schuldnern mit leicht militärischem Unterton mitzuteilen. Dabei musste ich, um nicht in endlose Streitereien verwickelt zu werden, die Beträge konsequent abrunden und so war ich nicht erstaunt, dass nach Abschluss der Quersumme und Neunerprobe drei Dollar fehlten. Als mein Spendeaufruf mit Knurren und bösen Blicken quittiert wurde, entschloss ich mich dem Spuk ein Ende zu setzten und schmiss leicht genervt selber nochmals drei Dollar auf den Tisch. Diese Geste trug ungemein zur Entspannung der Lage bei und die Situation löste sich in allgemeinem Wohlgefallen auf.

 

Auf dem Heimweg bemerkte ich, dass mich dieser Vorfall mehr belastete als zunächst angenommen, verspürte ich doch ein leichtes kratzen im Hals, welches nur durch ein Bierchen an der Hotelbar gelindert werden konnte. Um nicht nochmals in der gleichen Bredouille zu enden, lud ich den Kapitän, der früher am Abend schon eine Runde spendiert hatten, zu einem Schlummerbecher im kleinen Kreis ein und so schien der Abend noch einen ruhigen Ausklang zu nehmen. Doch ich hatte mich schon wieder verrechnet, denn als ich die beiden Biere bezahlen wollte, bemerkte ich, dass statt der 20$, die sich eigentlich noch in meinem Portemonnaie befinden sollten, sich ein einzelner, lumpiger Dollar darin breit machte. Offenbar hatte ich zuvor im Affekt statt drei Dollar Noten nur deren zwei plus meine 20$ Note auf den Hooters Tisch geknallt und die Kellnerin wird sich gefreut haben, dass die idiotische Runde wenigstens ein anständiges Trinkgeld zurück liess. Ich griff derweil, um mir weitere Peinlichkeiten an diesem Abend zu ersparen, zur Kreditkarte.

 

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