no change so far

Da bin ich nun also das erste Mal, seit letzte Woche die ganze Welt in kollektiver Erlösung aufgeatmet hat, zu meinem Lieblingsonkel Sam geflogen. Natürlich bin ich mit grossen Erwartungen nach Los Angeles aufgebrochen, sollte doch gemäss jedem, der gefragt oder ungefragt seine unmassgebliche Meinung dazu kundtat, nun alles besser werden. Den ersten Dämpfer erlitt ich allerdings bereits, als ich beim Warten auf den einen, wie gewöhnlich verspäteten Passagier, vor dem Abflug einen Blick in den Sonntäglichen Blätterwald wagte. Da erfuhr ich, dass unser neuer, vermeintlich linker Präsident in spe offenbar weiter rechts stehen soll, als Noch-Bundespräsident Couchepins Spezialfreund Christoph Mörgeli. Glücklicherweise wurde ich durch eine ausgehängte Türe im Crewbunk davon abgehalten allzu lange darüber zu sinnieren, wie das wäre, wenn der offenbar neuerdings erzlinke Alt-Bundesrat Blocher, wie von ihm und seinen Getreuen erträumt, im Dezember wiedergewählt würde und somit als Neu-Alt-Justizminister von der neuen Obama Administration als linker und netter diffamiert würde. Ein gewisser Frust scheint aber von diesen düsteren Gedanken trotzdem hängen geblieben zu sein, habe ich doch, während dem Versuch die widerspenstige Türe mittels gezielten Handkantenschlägen wieder einzuhängen, die Führungsschiene vollends zerstört. Ob dies auf die Vorstellung eines US Präsidenten Mörgeli und auf den Gedanken an eine mögliche Wiederwahl Blochers zurückzuführen war oder ob die Metallschiene einfach an Altesschwäche litt, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

 

Es blieb mir jedenfalls nichts anderes übrig, als hinter einer lotternden und klappernden Türe, mit dem kläglichen Versuch um 14 Uhr im Crewbunk etwas Schlaf zu finden, noch kläglicher zu scheitern. Nach vier Stunden hin und her wälzen, wurde ich dann endlich durch den Kapitän abgelöst und konnte mich darauf freuen die nächsten acht Stunden Wolken und Eis zu betrachten.

 

Nach einem problemlosen Anflug und einer gewohnt butterfeinen Landung war ich natürlich gespannt, ob ich schon etwas vom versprochenen Wandel im Land der unbegrenzten Überwachungsmöglichkeiten spüren würde. Während ich bei der Passkontrolle noch positiv überrascht von der speditiven Abfertigung Kenntnis nahm, stellte ich jedoch fest, dass der neue Scanner für die Erfassung aller zehn Fingerabdrücke des unter Generalverdacht stehenden, potentiell terroristischen Einreisewilligen, bereits arbeitshungrig unter der Abdeckung des Abfertigungsschalters hervor schaute. An dieser Front ist also keine Entspannung zu erwarten.

 

Beim Anblick der etwa 200 Meter langen Warteschlange vor der Zollabfertigung, wurde mir dann endgültig bewusst, dass es, um Obamas Worte zu bemühen, nur einen Präsidenten geben kann und dass dies zur Zeit eben immer noch der stets bemühte und nicht minder mühsame George W. ist. Offenbar lässt der in seinen letzten Zügen stehende Noch-Präsident nichts unversucht um zu beweisen, dass er, entgegen anders lautender Gerüchte, keine lahme Ente sei. Sein letztes Grossprojekt ist der Versuch seinen Namensvetter George Orwell als verkappten Optimisten zu enttarnen, indem nochmals eine Verschärfung der Grenzkontrollen angeordnet wurde. Jedenfalls wurden unsere Zollformulare vom Beamten an der Passkontrolle kontrolliert und abgestempelt, um dann nach einer halbstündigen Warteschlaufe, ein paar hundert Meter näher am Ausgang und somit näher am wohlverdienten Bier, nochmals auf ihre Richtigkeit kontrolliert zu werden und dann nach weiteren zehn Minuten in einer nur noch fünfzig Meter langen Kolonne, nach abermaliger Kontrolle, achtlos auf einen etwa 50 Zentimeter hohen Stapel von ebenso gründlich kontrollierten Formularen geworfen zu werden. Natürlich lässt kein Terrorist mit einem auch noch so kleinem Rest an Selbstachtung dieses demütigende Prozedere über sich ergehen und so bin ich unendlich dankbar, dass ich mich hier beim lieben Onkel Sam zwei Tage in absoluter Sicherheit wiegen durfte, bevor ich heute Abend wieder zurück ins terrorverseuchte Europa muss.

 

Als ich heute Morgen die vom Hotel freundlicherweise vor die Türe gelegte Zeitung aufschlug, wurde ich allerdings unerfreulich schnell aus meinem, vom Jetlag noch verstärkten, trägen Sicherheitsgefühl aufgeschreckt. Da prangte doch auf der Titelseite ein Artikel über die horrenden Kreditkartenschulden der amerikanischen Haushalte. Sofort erinnerte ich mich an ähnliche Berichte aus der Schweizer Presse, in denen moniert wurde, dass pro amerikanischem Haushalt, im Durchschnitt etwa 10’000 $ ungedeckter Kreditkartenschulden beständen. Bei (von mir) geschätzten 100 Millionen US Haushalten, ergäbe das eine läppische Billion an ausstehenden Zahlungen. Beim Gedanken an die zusätzlichen, schon in Ramschhypotheken versenkten vier Billionen, wurde mir schlagartig bewusst, dass die USA eigentlich keine Terroristen brauchen um sich grössten Schaden zuzufügen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch machte ich mich also ans Lesen des besagten Artikels. Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als ich erfuhr, dass ich mit meiner Einschätzung falsch lag, da die Banken ihre Risiken ausgelagert hätten, indem sie die Kreditkartenschulden in Fonds eingebracht und so das Ausfallrisiko breit abgestützt haben. Das einzige Problem sei, dass die Zinsen für die Schuldner auf 14% – 32% angezogen hätten, weil die Banken, wegen der Auslagerung der Risiken, den Konkurs ihrer Schuldner nicht mehr zu fürchten hätten und somit hohe Profite ohne jegliches Risiko generieren könnten. Cool, warum wurde das nicht schon mit den Hypotheken gemacht?

 

Wie auch immer, am Ende meines ersten Besuches auf der anderen Seite des grossen Teiches nach der Zeitenwende, kann ich nun also beruhigt feststellen: no change so far

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3 Antworten to “no change so far”

  1. Dominik Says:

    Hallo find ih gaunz guat

  2. eb Says:

    ich liebe die Art wie sie ihr Texte verfassen!So köstlich,dass man sich wünscht der Text würde noch unzählige Seiten zählen.

    bitte meeeeeeeeehr!:)

  3. Window In The Skies » Blog Archive » SWISS bloggt! Says:

    […] Nur fliegen ist schöner – Erlebnisse eines um die Welt jettenden Ein First Officer auf Airbus 330/340 berichtet von seinen Erfahrungen. Jetzt wissen wir auch, was unsere Piloten mit Zusatzfunktion (”Büropiloten“) in den Bürotagen machen: bloggen – und das sich in den USA trotz neuem Präsidenten noch gar nichts geändert hat. […]

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