Büro-Frei

Ich habe morgen Büro-Frei. Der Traum eines jeden Bürolisten. Büro-Frei – das tönt doch gut! Das Büro für einmal Büro sein lassen und ohne gross ein Büro aufzumachen frei nehmen. Raus aus dem Nebel und in der Höhe die Sonne geniessen. Mit der Sonnenbrille irgendwo auf einem Balkon sitzen, einen Kaffee trinken, die Aussicht bewundern und dabei ein schadenfreudiges Mitleid für die weniger privilegierten Leute dort unten in der grauen, wabernden Suppe verspüren. So müssen sich Piloten fühlen: Die können auch jeden Tag in den Himmel aufsteigen und die Wolken von oben betrachten. Mit der Sonnenbrille sitzen sie dann Kaffee schlürfend in der balkonähnlichen Pilotenkanzel und geniessen die Aussicht, während sie mitleidig über die armen, proletarischen Schreibtischtäter in den Niederungen dieser Erde lächeln. Piloten brauchen kein Büro-Frei, sie sind Bürofrei.

 

Dennoch habe ich morgen aber Büro-Frei und das kam so: Vor ein paar Wochen sass ich an meinem freien Tag im noch nebellosen Garten und versuchte im Tagesanzeiger die richtigen und wichtigen Informationen zwischen den unwichtigen und unrichtigen zu finden, als plötzlich das Telefon klingelte. Zu meinem erstaunen war mein Chefpilot am Draht und fragte mich warum ich zu Hause sei! Nach dem ersten Adrenalinschub – hätte ich heute etwa einen Einsatz gehabt? –  gab ich zur Sicherheit mal vor meinen in Kürze anstehenden Simulator Check vorzubereiten. Mein Chef meinte, dass dies der einzig akzeptable Grund sei bei solch schönem Wetter zu Hause zu sitzen – Glück gehabt! Danach teilte er mir mit, dass ich auserkoren wurde während ein paar Bürotagen einige Instruktionsunterlagen neu zu erarbeiten und dass ich jetzt die Möglichkeit hätte meine Zustimmung dazu zu geben. Konkret konnte ich dazu also noch ja oder ja sagen – Pech gehabt. Mir wurde versprochen, dass die Bürotage von der Einsatzplanung mit dem Novembereinsatz regulär zugeteilt würden und so würde ich halt ein paar Tage einen Schreibtisch pilotieren.

 

Es kam wie es kommen musste und als der Novembereinsatz virtuell in meinen ebenso virtuellen Briefkasten flatterte, waren die besprochenen Bürotage nicht einmal virtuell vorhanden. Freudig kontaktierte ich meinen Chef und fragte, ob sich die Instruktionsunterlagen in der Zwischenzeit von selbst verfasst hätten oder ob ich beim Umschulungskurs zum Schreibtisch First Officer durchgefallen sei. Zu meiner Enttäuschung musste ich aber erfahren, dass statt dessen ganz einfach vergessen wurde meine Bürotage zu planen. Natürlich wurde dieser Lapsus sofort korrigiert und so steht nun in meinem Einsatz während zwei der mir nach meinem Hong Kong Flug zustehenden Freitage „Büro-Frei“. Merke also: Büro-Frei ist wenn der Pilot, an seinem freien Tag im Büro arbeitet! So werde ich also morgen am Schreibtisch sitzen und mir für einmal wünschen ich wäre büro-freier Bürolist oder gar so ein beneidenswerter Pilot und könnte raus aus dem Nebel und in der Höhe die Sonne geniessen. Mit der Sonnenbrille irgendwo auf einem Balkon sitzen, einen Kaffee trinken, die Aussicht bewundern und dabei ein schadenfreudiges Mitleid für die weniger privilegierten Leute dort unten in der grauen, wabernden Suppe verspüren. You get the picture.

 

PS (Persönliches Statement): Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wurde mir zugetragen, dass obiger Artikel statt zu amüsieren, bei einigen Personen einen kleineren Entrüstungssturm ausgelöst hat. Dies ist zweifellos auf meine mangelhaften Fähigkeiten einen Gedanken auf den Punkt zu bringen und die offenbar von der schreibenden Zunft schon geerbte Untugend, Wahrheiten zu Gunsten der künstlerischen Entfaltung ab und zu etwas zu dehen, zurückzuführen. Ich möchte in meinen Beiträgen interessierte mit einem Augenzwinkern unterhalten und begegne dabei weder den erlebten Situationen noch mir selbst mit verbissenen Ernst. Gewisse satirisch überzogene Ausschmückungen muss der Lesende dabei zwar getreu dem Motto „Humor ist wenn man trotzdem lacht“ in Kauf nehmen, es liegt mir aber fern jemanden persönlich anzugreifen und ich möchte festhalten, dass ich, obwohl ich als Pilot zu ständigem jammern neige (vielleicht ein Thema für einen zukünftigen Blog Beitrag?), meinen Beruf und alle damit verbundenen Zusatzaufgaben freiwillig und meist auch gerne erledige. Falls ich einmal ein grösseres Problem mit meinem Einsatz habe, als eine etwas unglückliche, aber meiner unmassgeblichen Ansicht nach witzige Bezeichnung eines Bürotages, werde ich dies ganz sicher nicht hier in meinem Blog breittreten, sondern mich vertrauensvoll an die Crew Disposition, meine Chefs oder meinen Verband wenden. Bis dahin hoffe ich, dass man meinen schriftstellerischen Stilblüten mit einer grosszügigen Portion Humor begegnet und natürlich steht es auch jedem mit differierenden Meinungen frei seine Ansichten in einem Kommentar kundzutun.

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Eine Antwort to “Büro-Frei”

  1. Window In The Skies » Blog Archive » SWISS bloggt! Says:

    […] von seinen Erfahrungen. Jetzt wissen wir auch, was unsere Piloten mit Zusatzfunktion (”Büropiloten“) in den Bürotagen machen: bloggen – und das sich in den USA trotz neuem Präsidenten noch […]

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