Das schwarze Loch

Ruhig ist es geworden um das schwarze Loch vom CERN. Zur Zeit konzentriert sich die vereinigte Presse lieber auf die finanzielle Apokalypse als auf den langweiligen, physikalischen Weltuntergang. Noch vor ein paar Monaten sah das freilich ganz anders aus: Da prophezeite ein paranoider Chemiker der neue LHC (Large Hadron Collider) am CERN würde ein schwarzes Minilöchli produzieren, das dann langsam, aber dafür desto sicherer, die ganze Welt verschlingen würde. Mit Haut und Haar sozusagen, mit Stock und Stein, mit Finanzhaien und armen Schluckern – auch wenn das heute eh das Gleiche ist.

 

Das rief natürlich sofort alle Weltverbesserer und Besserwisser auf den Plan. Atomgegner und ahnungslos ahnungsvolle alt-68er witterten Morgenluft und forderten lauthals den Stopp des Experimentes. Davon aufgescheucht goss die CERN public relations Abteilung noch Öl ins Feuer, indem sie zu erklären Versuchte, was man genau vor hatte. Eigentlich sucht man mit dem LHC ja nach dem Higgs Boson, einem Teilchen, das zwar der Masse zu eben dieser verhelfen soll, das sich bisher aber stur vor den Teilchenphysikern versteckt hält, so dass es mittlerweile das einzige vom Standardmodell postulierte Teilchen ist, das in der Trophäensammlung der Physiker noch fehlt. (Wer’s verstehen will, dem kann ich das hier empfehlen.)

 

Da dieser Zusammenhang aber für die Weltverbesserer als zu kompliziert erachtet wurde und Besserwisser es sowieso besser wissen, da Atomgegner alles was kleiner als ein Atom ist verbieten möchten und alt-68er eh nichts begreifen und vor allem weil Higgs Boson zu sehr nach Schluckauf tönt, erfanden die CERN Bosse die nette Geschichte man suche mit dem grössten Experiment der Menschheitsgeschichte – ich dachte eigentlich das sei der Klimawandel – nach dem Ursprung des Universums. Dieser PR-Gag hatte dann auch durchschlagenden Erfolg, brachte man mit ihm doch zusätzlich noch die religiösen Fundamentalisten gegen sich auf. Wollen die denn Gott in einem Magnetring finden? Aber hallo, welch Blasphemie!

 

Was hat die Geschichte jetzt aber mit einem sternguckenden Luftkutscher wie mir zu tun? Nun, als Pilot hat man ja den totalen Überblick. Man wird zum Generalist und weiss über immer mehr immer weniger, bis man schliesslich über alles nichts mehr weiss. So flog ich also kürzlich, obwohl nicht alt-68er, völlig ahnungslos vom Bombay nach Hause. Der vom CERN ausgehende Weltuntergang war, gemäss der Zeitung mit den vielen bunten Bildern, wegen technischen Problemen am LHC auf den Frühling vertagt worden und es erfüllte mich mit spitzbübischer Freude, dass auch die wissenschaftliche Elite ab und zu mit technischen Verspätungen zu kämpfen hat. Wir wechselten vom pakistanischen in den iranischen Luftraum und ich erinnerte mich, dass wir gerade einen weiteren Ort überflogen, von dem uns die atomare Apokalypse drohte. Ich wollte deshalb einen Blick auf die bösen Ajatollahs, werfen und da ich nicht einfach meine Zeitung aus dem Flugzeug schmeissen kann, schaute ich zum Fenster hinaus.

 

Draussen sah ich nichts. Keine Ajatollahs, keine hübschen und nicht mal verschleierte Frauen, keine islamischen Fundamentalisten, keine Terroristen, nicht einmal die Wüste. Nichts! Dunkel wie in einer Kuh. Da traf mich die Erleuchtung:

 

Ein schwarzes Loch!

 

Da war eine gigantische Verschwörung im Gange, eine Vertuschungsaktion in noch nie dagewesenem Ausmass! Der LHC wurde nicht abgeschaltet, sondern hatte in Wahrheit wirklich ein schwarzes Loch produziert und als dieses dann zu gross wurde, musste man es verstecken. Da der Wellenberg nicht mehr in Frage kommt und da sich auch das idyllische Benken ziert, hat man es einfach in die iranische Wüste, wo es weder Grüne noch Grünes gibt, verfrachtet. Endlagerung nennt man das.

 

Jetzt machte plötzlich alles Sinn. So ein schwarzes Loch ist hungrig und will gefüttert werden. Mein neuer Gesamtarbeitsvertrag mit seinen mickrigen Gehaltserhöhungen wurde vom schwarzen Loch verschluckt! Das war natürlich nur ein Appetithäppchen für so ein dunkles Ungetüm und deshalb wurde der Deckungsgrad meiner Pensionskasse gleich hinterher geschmissen. Als auch das nicht reichte, erbarmte man sich meiner und begann erste Banken zu verfüttern und mittlerweile hat die Weltpolitik, mehr um sich selbst zu retten als die Finanzmärkte, Billionen Dollar Richtung Ereignishorizont bugsiert. Doch das hat alles nichts gefruchtet. Nun werden die ersten hilflosen Politiker versenkt. Den Zürcher Stapi hat es getroffen und bald soll auch George W. Bush folgen. Letzte Woche habe ich auf dem Heimflug von Johannesburg sogar ein zweites schwarzes Loch entdeckt! Oder hat sich das ursprüngliche bereits bis nach Zentralafrika ausgedehnt? Würde mich nicht wundern, bei der Grösse der Egos der verfütterten Politiker! Wie auch immer, das Loch wächst rasend schnell. Mittlerweile wurde sogar die Linientreue und die Meinungsfestigkeit der SVP verschlungen und am 30. November soll nun versucht werden das Loch mit der AHV zu stopfen, obwohl das in eben diese ein neues Loch reissen würde. Meine Gewerkschaft ist ebenso von der Bildfläche verschwunden wie ein erster Vorstand der selben.

 

Als ich gestern morgen die Fensterläden öffnete, war ich überzeugt, dass ich dem schwarzen Monster direkt in den Rachen blicken werde. Doch mein Weltbild wurde erneut in seinen Grundfesten erschüttert und ich werde mir eine neue Theorie ausdenken müssen, denn alles war weiss!

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Eine Antwort to “Das schwarze Loch”

  1. Elias Says:

    Genuß pur,..:)

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