Herbstflug

Warum wurden so viele Flughäfen in Europa in den schlimmsten Nebellöchern gebaut? Diese Frage drängt sich heute wieder einmal besonders auf, während wir zur Startpiste rollen.

 

 

 

Eigentlich sieht man kaum die Hand vor den Augen und auch die MD11 vor uns ist nur mit einiger Phantasie auszumachen. Immerhin, die hinteren Positionslichter sind klar erkennbar. „SWISS 84KX, confirm you have the preceding MD11 in sight?“ – der Tower ist in diesem Nebel blind und muss sich auf den Bodenradar, welcher auch das dickste Grau zu durchdringen vermag, verlassen. „Affirmative“ lautet meine knappe Antwort. Die warme Luft aus den Triebwerken der vor uns rollenden MD11 hat die Sicht sogar etwas verbessert. Es ist ein kleiner Tunnel entstanden. An dessen Rändern sieht man aber den Nebel schon wieder über die Wiese neben dem Rollweg zurückströmen. Dieser kleine Sieg über die wabernde Masse wird also nur kurz andauern und dann wird uns das eintönige Grau aufs Neue vollständig einhüllen.

 

Am Pistenanfang angekommen sehen wir gerade noch wie die startende MD11 sich im Nebel verliert.

 

 

 

Beim Auflinieren auf die Piste werden die grünen Rollweglämpchen von der Pistenbefeuerung abgelöst. Diese ist so gleissend hell, dass die an das düstere Einerlei gewöhnten Augen schmerzend protestieren. Doch schon nach wenigen Metern verblasst das grelle Licht und bereits bei der zehnten Lampe gewinnt der Nebel über die Technik: 150m Sicht.

 

Nach der Startfreigabe erzittert unsere A321 unter knapp 25 Tonnen Schubleistung. Erst langsam, dann immer schneller setzt sich die Lichterkette unter uns in Bewegung und wie durch Magie gibt der Nebel für jede Lampe, die unter der Flugzeugnase verschwindet, weiter vorn eine neue preis. Plötzlich erschüttern rhythmische Schläge das Flugzeug: tack, tack, tack. Wir befinden uns allzu exakt auf der Mittellinie, so dass das Bugrad gegen die Pistenbefeuerung schlägt. Kein Problem. Ein kleiner Ruderausschlag und schon ist diese Störung beseitigt. Mittlerweile schiessen wir mit gut 250 km/h über die Lichter hinweg – oder ist es umgekehrt? Egal. Wir haben die Rotationsgeschwindigkeit erreicht und ein dosiertes Ziehen am Steuerknüppel hebt die Flugzeugnase in die Höhe. Sofort sind wir von der grauen Masse eingehüllt. Ein kurzer Blick auf die Instrumente bestätigt, dass die Physik auch im Nebel funktioniert: wir haben den festen Boden hinter uns gelassen.

 

Während wir mit dem Einziehen des Fahrwerkes und der Landeklappen beschäftigt sind bemerken wir, dass die Grauschattierungen vor unseren Cockpitfenstern immer heller werden und plötzlich schiessen wir völlig unvermittelt aus den Wolken heraus. Einige Wattebäusche ragen wie Wellenkämme aus dem Wolkenmeer hervor und vermitteln durch ihr lautloses vorbeiflitzen einen Eindruck von unser Geschwindigkeit.

 

 

 

Jetzt steigt rechts aus der Wolkenmasse eine Insel hoch, auf der sich bei näherem betrachten eine Radarkugel und ein Ausflugsrestaurant befinden: die Lägern. Dahinter steigt ein Atompilz in die Höhe! Das ist die Dampfsäule des Kernkraftwerk Leibstadt.

 

Auf der linken Seite erhebt sich majestätisch der Alpenkamm. Die eindrückliche Pyramide des Finsteraarhorns ist unverkennbar. Daneben erheben sich die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Weiter hinten sind bereits das Matterhorn und der Mont Blanc zu sehen. Hier oben ist die Fernsicht nur durch die Erdkrümmung begrenzt. Kaum zu glauben, dass sich nur wenige hundert Meter von der grauen Tristesse entfernt, eine solche Pracht entfaltet. Über der Nebelgrenze müsste man Wohnen!

 

 

 

Mittlerweile befinden wir uns über Lausanne. Doch auch die Romandie befindet sich fest in der Hand des Hochnebels. Rechts ragt der Jurabogen mit La Dôle aus dem Nebelmeer hervor und linker Hand überragt Mont Blanc mittlerweile alles. Soeben haben wir den letzten Wetterbericht vom Flughafen Genf erhalten. Glücklicherweise hat dort die Bise den Nebel etwas angehoben, denn die selbe Bise zwingt uns auch zu einem Anflug aus westlicher Richtung. Da diese Piste aber nicht für automatische Landungen ausgerüstet ist, brauchen wir die bessere Sicht um unser Flugzeug im Endanflug manuell zu steuern.

 

Wir befinden uns nun über dem Genfersee und vor uns ragt der Mt. Salève knapp über die Nebelgrenze. Der Genfer Hausberg trifft sich an seiner Westflanke beinahe mit dem Jurabogen und lässt nur einen schmalen Durchlass offen, durch den die Rhône nach Frankreich fliesst. Wie wir jetzt sehen treibt die Bise die Wolkenmasse unerbittlich in diesen natürlichen Kessel. Dabei überläuft der Kaltluftsee Richtung Rhônetal und liefert dabei ein eindrückliches Naturschauspiel. Die Kaltluft und mit ihr der Nebel, stürzt wie ein gigantischer Wasserfall der Bergflanke entlang ins Tal. Die Strömungen sind dabei klar erkennbar und die ganze Bergflanke scheint zu Brodeln. Im Gegensatz zu einem Wasserfall stirbt hier das Schweizer Nebelmeer aber einen lautlosen Tod und löst sich durch die Temperaturerhöhung im Fallwind einfach im Nichts auf. Die kühnsten Nebelfinger erreichen zwar knapp den Talboden, aber sie haben zu wenig Kraft um sich dort noch lange zu halten. Frankreich ist Nebelfrei!

 

 

 

Wir aber müssen zurück in die graue Masse, denn darunter liegt unser Zielflughafen. Deshalb drehen wir jetzt nach Osten und schwenken auf den Leitstrahl der Piste 05 ein. Im Sinkflug nähern wir uns immer mehr dem Wolkenmeer und als wir endlich in die Watte eintauchen, ist mir als ob ich ein leises „wusch“ gehört hätte. Natürlich war das nur meine Phantasie, aber trotzdem habe ich das heute nicht zum Ersten mal gehört! Jetzt scheint sich das Schauspiel vom Start umzukehren und die Graustufen vor unseren Fenstern werden immer dunkler. Plötzlich sehe ich unter uns Felder und Häuser zwischen den Wolkenfetzen und kurz danach taucht die kristbaumartige Anflugbefeuerung auf. Schön sieht sie aus mit ihren weissen und roten Lampen und als noch die grün beleuchtete Pistenschwelle erscheint, kommt schon fast Weihnachtsstimmung auf.

 

Doch dafür haben wir jetzt keine Zeit! Das Flugzeug wird mit feinen Steuerausschlägen auf der Piste aufgesetzt und mittels Umkehrschub und Radbremsen zum Stillstand gebracht. Auch der letzte Teil unseres Fluges, das Rollen an den Standplatz, erfordert nochmals unsere volle Aufmerksamkeit. Während danach unsere Passagiere noch aussteigen, beginne ich bereits den Rückflug vorzubereiten und freue mich darauf den Nebel schon bald wieder unter mir zu lassen.

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3 Antworten to “Herbstflug”

  1. Dominik Says:

    dess is cool

  2. Edgar Hugo Says:

    Die Swiss hat noch MD-11? Oder ist der Text älter?

  3. skypointer Says:

    Hi Edgar

    Den Text habe ich im Herbst 2004 verfasst. Die Fotos habe ich am 29. Oktober 2004 gemacht. Bei der MD11 im Nebel handelt es sich um den letzten komerziellen Start einer Swiss MD11 in Zürich. Am 31. Oktober wurde HB-IWE dann mit einem kleinen Ferstakt ausgemustert.

    Der Abschied von der MD11 hat mich, obwohl ich diese selber nie pilotieren durfte, zum Verfassen des Textes veranlasst. Als ich vier Jahre später mit meinem Blog begonnen habe, stellte ich den bis dahin unveröffentlichten Text an den Anfang meiner Beiträge.

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